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„Leben ohne Glauben?“ – So titelt Wochenzeitung Die Zeit aktuell in ihrer Ausgabe vor Ostern. Rund um das spannende Titelthema „Kann der Mensch ohne Glauben leben?“ erklärt der Psychoanalytiker und Autor Bernd Deiniger im Zeit-Interview, dass der Glaube an Gott ihn „heiter und gelassen“ stimmt.

Einleitend zum Titelthema beschreibt die Journalistin Evelyn Finger in ihrem sehr lesenswerten Beitrag „Woran du dein Herz hängst“, dass die Suche nach dem Sinn des Daseins zeitlos ist. Habe die moderne Gesellschaft lange geglaubt. dass es auch ohne Religion gehe, so spürten in der derzeitigen Krise viele Menschen, dass „etwas wie Gottvertrauen“ gut wäre. Diese Erkenntnis belegt Finger u.a. mit Aussagen eines Klinikseelsorgers, der verantwortlichen Ärztin der Corona-Hotline Berlin, einem Kirchenhistoriker und einem Religionssoziologen. Die Krise der Pandemie offenbare, dass den Menschen ein Glaube fehle, „der uns in der Gefahr trägt, erhebt, erleuchtet und leitet“, schreibt Evelyn Finger.

Der Psychoanalytiker, Theologe und Autor Bernd Deininger, der Chefarzt in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Nürnberg ist, betonte im Zeit-Interview, dass ihn die Verbindung zu Gott auch und gerade dann hilft, wenn man selbst an Grenzen stößt. So helfe ihm etwa sein Glaube, bei Fehleinschätzungen die eigene Begrenztheit einzugestehen, „ohne in Schuldgefühle zu versinken“. Echten Trost gibt es dabei seiner Erfahrung nach „nur außerweltlich“. Dieser Trost besteht für ihn nicht in der Einsicht, dass wir Menschen fehlbar sind, sondern „entspringt dem Glauben, dass wir fehlbar und doch von Gott geliebt sind“, so der 75-Jährige.

Ob man an Glauben an Gott lernen könne, wisse er nicht. Vielmehr betonte Deininger, der kürzlich für weitere zwei Jahre einen Vertrag als Chefarzt an seiner Klinik geschlossen hat:

„Ich kann Ihnen aus dreißig Jahren therapeutischer Erfahrung mit katholischen Priestern und evangelischen Pfarrern sagen, dass man den Glauben an einen strafenden Gott verlernen kann. Und ein menschenfreundliches Gottesbild annehmen kann.“

Weiter erklärt der Mediziner im Zeit-Interview, dass der Glaube an Gott nur helfe, „wenn es sich um einen guten Gott handelt – der einen nicht straft, nicht verachtet, nicht beschämt, sondern annimmt.“ Zum Problem werde der Glaube, wenn er dogmatisiert werde. Ganz in diesem Sinne wünsche er sich zu Ostern von den Kirchen, „dass sie ihren dogmatischen Ballast abwerfen und einen Gott verkünden, der uns annimmt wie wir sind, auch mit unserer triebhaften Seite“, so Deininger.

Weiter verweist er auf die Stütze, die der Glaube an einen barmherzigen Gott im Leben sei. Dabei betonte er auch:

„Ein erwachsener Glaube hat mit Freiheit und Wohlwollen zu tun, ein neurotischer Glaube mit Zwang und Strafe.“

Ohne Glauben könne der Mensch seiner Meinung nach „vermutlich nicht“ leben, so der 75-Jährige. Den Grund dafür sieht er u.a. darin, dass Grundfragen der menschlichen Existenz, wie ‚Warum ist etwas und nicht nichts?‘ oder ‚Warum sind wir ins Dasein geworfen?‘, nicht wissenschaftlich beantworten können. Da helfe der „Begriff des Schöpfers“ weiter.

Die Bedeutung des Glaubens in seinem Leben beschreibt Bernd Deininger im Zeit-Interview in Anlehnung an den Philosophen Martin Heidegger als „innere Heiterkeit“. Dazu betont er:

„Mich stimmt der Glaube, dass mein Dasein Sinn hat, heiter und gelassen.“

Dadurch könne er in der Pandemie Verantwortung tragen und erhalte Trost, „wenn ich untröstlich bin“, so Deininger weiter.

Quellen: zeit.de (1), zeit.de (2)

 

Hinweis: Von Bernd Deininger und Anselm Grün erschien aktuell das Buch „Verstehen statt Verurteilen. Biblische Hilfestellungen für ein anderes Miteinander“.