Foto: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, 2025-02-23 Bundestagswahl – Wahlabend CDU by Sandro Halank–094, CC BY-SA 4.0

Reiner Haseloff: „In die Politik hat mich der Katholizismus geführt“

Der CDU-Politiker Reiner Haseloff, der von April 2011 bis zu seinem Rücktritt im Januar 2026 Ministerpräsident von Sachen-Anhalt war, sprach im Interview mit der Welt am Sonntag (WamS) darüber, wie ihn sein katholischer Glaube prägt und ihm bis heute Orientierung für sein Handeln gibt.

Zum Einstieg in das tiefgründige Gespräch berichtete der 72-Jährige Politiker im Ruhestand, dass sein Terminkalender aktuell noch voller sei als zu seiner Zeit als Ministerpräsident und er sich nun auf die Erstkommunion seiner Enkeltochter freue, weil er dann für eine Woche weg sei. Die Zeit, die er sich für dieses Ereignis nimmt, spiegelt auch die Bedeutung, die der katholische Glauben in seinem Leben einnimmt. Neben seiner Frau sei sein Glaube an Gott und die Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche die „Konstante“ und „kontinuierliche Linie“ in seinem Leben.

Das C im Parteinamen der CDU sei der ausschlaggebende Grund dafür, dass er sich einst für eine Mitgliedschaft bei der CDU und nicht bei den Liberalen entschied, obgleich diese „auch interessante Ansätze“ gehabt hätten. Dazu begründet Haselhoff, der in der DDR aufwuchs und seit 1976 der CDU angehört, weiter:

„Wenn man aus einer Diktatur kommt, weiß man Freiheit umso mehr zu schätzen. Aber in die Politik hat mich der Katholizismus geführt.“

So hätten ihm Pfarrer aus dem Westen in der Wendezeit klargemacht, dass die Zeit gekommen sein, um politische Veränderung zu gestalten, schilderte Haselhoff zur extrinsischen Motivation und ließ zu seiner intrinsischen Motivation wissen, dass er „aus einem katholischen Milieu“ mit „Fronleichnamsprozessionen, schlesische Kirchenlieder, Marienlieder“ komme. Dass er in Kindergarten und Schule vermittelt bekommen habe, dass er eine Macke habe, weil er kein Atheist und der soggenannten „wissenschaftlichen Weltanschauung“ nicht zugeneigt sei, habe ihn und seine Gefährten damals motiviert. Dazu erklärte er:

„Diese Konfrontation hat uns provoziert, uns intensiver damit zu beschäftigen: Theologie, Naturwissenschaft, Weltanschauung. Daher kam auch mein Weg in die Physik. Nicht nur, weil ich Spaß daran hatte, sondern auch aus dieser geistigen Auseinandersetzung heraus.“

Anmerkung: Reiner Haseloff studierte von 1973 bis 1978 Physik an der Technischen Universität Dresden und der Humboldt-Universität zu Berlin und machte seinen Abschluss als Diplom-Physiker.

 

Sein christlicher Hintergrund habe sein Handeln als Ministerpräsident „stark“ geprägt, gerade in der Hinsicht, dass er nie bereit gewesen wäre, sich „für irgendeine politische Maxime, für ideologische Vorgaben oder eine politische Übersteuerung harter Fakten verbiegen zu lassen“. Ansonsten hätten er und seine Gefährten die Zeit in der DDR „im Glauben auch gar nicht überstanden“, fügt Haseloff an und betont aus dieser Erfahrung heraus betont er mit Blick auf die Präambel des Grundgesetzes:

„Es gibt Dinge, die sind gesetzt. Gott sei Dank finden wir sie auch im Grundgesetz in einer Weise wieder, dass sie nicht beliebig zugriffsfähig sind. Wenn diese Setzungen fehlen, wird es gefährlich.“

Dazu begründet Sachsen-Anhalts ehemaliger Ministerpräsident, dass auch die DDR ein humanistisches Weltbild für sich beansprucht habe und „unter dem Gesichtspunkt des Atheismus“ sogar die Mauertoten „irgendwie in eine historische Mission“ eingeordnet habe, indem propagiert wurde, dass solche Flüchtlinge „den Weg ins Paradies der Arbeiterklasse“ behindern würden. Darauf zurückblickend betont Haseloff:

„Wenn es keine höhere Instanz gibt, vor der ich mich rechtfertigen muss, dann heiligt am Ende der Zweck die Mittel.“

Im Rückblick auf diese Erfahrung sei er sich immer bewusst gewesen, dass es bei Themen wie Lebensschutz, assistiertem Suizid, Menschenbild und Würde Grenzen gebe. So ist für ihn heute auch folgendes klar:

„Wenn das, was politisch betrieben wird, von der Ursprungsintention des Grundgesetzes und vom jüdisch-christlich geprägten Wertekatalog abweicht, dann wäre das für mich der Punkt des Ausstiegs.“

 

Bereits zu Weihnachten 2025 erklärte Reiner Haseloff gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, warum er überzeugt ist, dass der Staat Werte nicht alleine vermitteln kann. Die Generierung von Werten müsse aus der Gesellschaft kommen und sei eine Aufgabe der Kirchen und anderer Institutionen in der Gesellschaft wie Parteien, Gewerkschaften, Sozialverbänden und Arbeitgeberverbänden, zeigte sich Haseloff überzeugt und betonte, dass er seine grundsätzliche Orientierung – auch in seinem Wirken als Politiker –  aus seinem christlichen Glauben bezieht. Dazu erklärte er:

„Werte, die einen geprägt haben, schlagen sich natürlich im Handeln nieder.“

Diese gelte insbesondere dann, wenn „es um die grundsätzlichen Dinge geht, zum Beispiel bei Gewissensentscheidungen oder in Fragen, wie man sich zum Grundgesetz stellt“, so Haseloff.

 

Im Sommer 2025 veröffentlichte Reiner Haseloff im benno-Verlag sein Buch Christliche Werte leben – Politik gestalten“ [Anzeige], in dem er von seinem persönlichen Glaubens- und Lebensweg erzählt. Dabei berichtet er auch über das, was er als Kirchenmitglied in der DDR erlebt hat. Sich und seine christlichen Weggefährten beschreibt er als Außenseiter in der damaligen DDR und erklärt: 

„Wir gehörten nicht dazu.“

Besonders intensiv erlebte er das zur Zeit der  Jugendweihe, dem Übergangritual für Jugendliche im Alter von ca. 13 – 15 Jahren, das in der DDR die atheistische Alternative zu Konfirmation oder Firmung war und als Ersatz für kirchliche Feste politisch instrumentalisiert wurde. Haseloff berichtet, dass er mit einem evangelischen Mitschüler als einziger in der Klasse zur Firmung beziehungsweise Konfirmation gegangen sei, als alle anderen Klassenkameraden Jugendweihe machten.

 

Quellen: welt.de (1), welt.de (2); Reiner Haseloff, Christliche Werte leben – Politik gestalten (benno Verlag), cdulsa.de