2016 hatte der Jesuitenpater und Hochschullehrer Ansgar Wucherpfennig in einem Interview mit der „Frankfurter Neuen Presse“ Verurteilungen der Homosexualität in der Bibel als „tiefsitzende, zum Teil missverständlich formulierte Stellen“ bezeichnet.  Auch in anderen  Zeitungsinterviews äußerte er sich in der Vergangenheit positiv zur Frage des Diakonats der Frau und zur Segnung homosexueller Paare.

Daraufhin hat ihm aktuell die vatikanische Bildungskongregation zusammen mit der Glaubenskongregation Wucherpfennig die Unbedenklichkeitserklärung („Nihil obstat“) verweigert.

Unter Theologen erhält Wucherpfennig große Rückendeckung und Solidarität.

Wucherpfennig habe sich auf Aussagen von Papst Franziskus verlassen „und ist damit gegen die Wand gefahren“, sagte der Theologe Michael Seewald, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, am Wochenende im Deutschlandfunk. Der Papst ermutige Theologen ausdrücklich, im Sinne kirchlicher Reformen zu denken – die römische Bildungskongregation agiere jedoch ganz anders.

Der 31-jährige Seewald appellierte an die deutschen Bischöfe, in Rom deutlich zu machen, dass bestimmte Maßnahmen und Arten des Umgangs „in Deutschland einfach nicht akzeptabel sind“.

Die Bibelwissenschaftlerin Ilse Müller, Professorin für Biblische Theologie am Institut für Katholische Theologie an der Universität Kassel, sagte im Interview mit katholisch.de:

„An keiner Stelle verurteilt die Bibel Homosexualität!“

Aus der Bibel lasse sich überhaupt nicht ableiten, wie man sich heute als Christ oder als Christin mit Blick auf das Thema Homosexualität positionieren müsse. Zum einen, weil die Bibel nichts über Homosexualität, wie wir sie heute verstehen, aussage. Und zum anderen, weil die sexuellen Akte, die darin beschrieben werden, immer in ihrem jeweiligen kulturellen und sozio-historischen Kontext betrachtet werden müssen. Weiter betont sie:

„Die Vorstellungen von einer homosexuellen Partnerschaft gab es damals noch nicht. Davon spricht man erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts.“

Der Apostel Paulus habe sich im Römerbrief (Römer 1,26-27) gegen die antike Praxis einer machtförmigen Sexualität zwischen Männern gewandt. Dies sei der Grund, weshalb er den Geschlechtsverkehr von Männern mit Männern als „gegen die Natur“ verurteilt.

Das Problem sei, „dass Zitate scheinbar wortwörtlich gelesen und ohne jeden Kontext benutzt werden“. Bezüglich dieser Praxis führt Ilse Müller fort:

„Ich finde es alarmierend, wenn einzelne biblische Sätze aus einem komplexen System herausgerissen und in der Sexualethik angewandt werden.“

Weiter resümiert die Professorin für Biblische Theologie:

„Die Aufgabe einer christlichen Kirche und ihrer Theologie ist immer, ins Gespräch mit den Texten der Bibel zu gehen und das in Sensibilität für die jeweils gegenwärtige gesellschaftliche Situation zu tun.“

Die Bibel sei ein Kanon aus unterschiedlichen Schriften, in denen es Spannungen und Widersprüche gebe. Diese Vielfalt sei gewollt und spiegele die Vielfalt der Menschen „auch unserer Zeit“.

Auch der Theologe Thomas Söding, Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum, anaylsierte in einem Interview mit domradio.de die Darstellung von Homosexualität in der Bibel. Was in der Bibel über Homosexualität zu finden sei, sei „sehr wenig“.

Das Wenige, das in der Bibel über Homosexualität zu finden ist, mehr im AT als im NT, sei auch sehr knapp und kurz und „weit entfernt, von der Debattenkultur, die wir im einundzwanzigsten Jahrhundert hoffentlich führen“, so Söding weiter. Im Neuen Testament habe der Apostel Paulus „die schärfsten und eigentlich auch die einzigen Aussagen“ zur Homosexualität gemacht.

Es ist in den Augen von Prof. Söding aber absurd, diese Aussagen des Apostels Paulus auf den heutigen Kontext anzuwenden. Paulus wollte verdeutlichen, dass „dort, wo die Orientierung an Gott verrutscht ist“, sich auch die menschlichen Verhältnisse verkehren. Diese Verkehrung der Einsicht, was gut und böse, richtig und falsch sei, mache Paulus in verschiedenen Stichworten fest, die in sogenannten Lasterkatalogen aufgelistet werden. Diese seien „antike Stereotype, die weitergegeben werden“. Und einer von vielen sei „dann eben auch das, was – jedenfalls nach herrschender Meinung – meistens mit Homosexualität verbunden ist“. Dazu betont Thomas Söding ausdrücklich:

„Das muss man jetzt unbedingt auf die kulturellen und sozialen Bedingungen dieser Zeit beziehen. Das hat nichts mit einer Christopher-Street-Day-Atmosphäre von heute zu tun. Sondern das sind in vielen Fällen eben tatsächlich auch Gewaltverhältnisse gewesen, weil etwa Sklaven sexuell ausgebeutet worden sind – Sklavinnen übrigens auch.“

Bei Paulus finde „nicht eigentlich eine Auseinandersetzung mit diesem Thema statt, wie wir es heute unter psychologischen Bedingungen erwarten würden“. Es sei vielmehr „die Weitergabe einer bestimmten Stereotypie“.

Das Problem liege darin,

„wenn aus solchen antiken Selbstverständlichkeiten nun auf einmal hoch normative Aussagen in der Lehre der katholischen Kirche gemacht werden“.

Dann geschehe etwas, „was problematisch ist und was in der gegenwärtigen Debatte hinter die Differenzierung zurückzufallen droht, die Gott sei Dank in den letzten Jahren und Jahrzehnten auch im katholischen Lehramt eingezogen ist“.

Das katholische Lehramt sei indes gar nicht so undifferenziert, „wie es sich vielfach selbst darstellt, etwa jetzt in der Skandalisierung von Positionen von Ansgar Wucherpfennig“, so Söding.

Auf die anschließende Frage, wie man heute biblische Aussagen grundsätzlich bewerten müsse, die der Lebensweise von heute etwas sperrig daherkommen, sagt Söding u.a.:

„Nicht nur Bibel lesen. Die Bibel selber sagt ja auch immer, dass man die Augen für die Zeichen der Zeit öffnen kann. Die Bibel muss man differenziert betrachten.“

Seiner Meinung nach wäre die „Ehe für alle“ für Paulus „sehr schwer vorstellbar“ gewesen. Aber:

„Der Apostel Paulus – dieser intellektuelle Typ – wäre der Letzte gewesen, der sich einem Diskurs mit der Psychologie und der Soziologie über die Entwicklung menschlicher Sexualität entzogen hätte.“

Und weiter:

„Da dürfen wir durchaus mit der Bibel weit über die Bibel selbst hinausgehen. Das würde ich auch von der katholischen Kirche erwarten. Das ist längst überfällig.“

Bereits am vergangenen Freitag hatten die Vorsitzenden mehrerer katholisch-theologischer Vereinigungen zur Causa Wucherpfennig erklärt, es handle sich um „ein Zeichen jenes Missbrauchs von Macht, der gerade vor dem Hintergrund der jüngst veröffentlichten Untersuchung zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland als Grundproblem scharf kritisiert wird“.

Das Schreiben ist unterzeichnet vom Vorsitzenden der Deutschen Sektion der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie, Karlheinz Ruhstorfer, dem Vorsitzenden des Katholisch-Theologischen Fakultätentages, Joachim Schmiedl, dem Vorsitzenden der Vereinigung der Arbeitsgemeinschaften für Katholische Theologie, Gerd Häfner, sowie der Vorsitzenden von AGENDA – Forum katholischer Theologinnen, Margit Eckholt.

Die Theologen monieren, „einmal mehr“ werde versucht, „ein theologisch und pastoral drängendes Thema disziplinarisch zu ‚erledigen‘ und zu tabuisieren“. Es handle sich um einen „nicht zu rechtfertigenden Angriff“ auf Pater Wucherpfennig und zugleich um einen „schweren Angriff auf die Freiheit und Unabhängigkeit theologischer Forschung und akademischer Selbstverwaltung“. Die Rede ist zudem von „widersprüchlichen Signalen des römischen Lehramts“. Ähnlich hatte sich zuvor die Arbeitsgemeinschaft der Rektoren katholischer Fachhochschulen (ARKF) geäußert.

Quellen: katholisch.de, domradio.de, kirche-und-leben.de und evangelisch.de