Pater Peter Uzor: „Es gibt einen Weg durch das Dunkel hindurch“
In seiner Predigt am Ostersonntag 2026 (Kol 3,1-4; Joh 20,1-18) blickt unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor auf ein kleines Wunder der Natur: die Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling.
Anbei die Worte der Osterpredigt von Pater Peter:
Am heutigen Ostermorgen, es ist ein besonderer Tag. Vielleicht spüren wir es – in der helleren Kirche, in der festlichen Musik, in den Blumen, im Licht. Und doch bleibt die Frage:
Was feiern wir eigentlich wirklich? Was bedeutet Ostern – jenseits von Tradition, jenseits von schönen Symbolen?
Das Evangelium führt uns heute ganz nah an den Anfang dieses Geheimnisses. Maria von Magdala kommt früh am Morgen zum Grab. Es ist noch dunkel.
Wie oft beginnt auch unser Leben im Dunkeln: mit Sorgen, mit Trauer, mit Fragen. Maria trägt all das in ihrem Herzen. Für sie ist die Geschichte Jesu zu Ende. Der Tod scheint das letzte Wort gesprochen zu haben. Doch dann sieht sie: Der Stein ist weg. Das Grab ist leer.
Und doch versteht sie noch nicht. Sie sucht – und erkennt nicht. Selbst als Jesus vor ihr steht, hält sie ihn für den Gärtner. Erst als er sie beim Namen ruft – „Maria!“ – gehen ihr die Augen auf.
In diesem Moment wird aus Trauer Hoffnung, aus Verzweiflung Leben.
Liebe Schwestern und Brüder,
genau hier berührt uns Ostern ganz persönlich: Der Auferstandene kennt unseren Namen. Er ruft uns ins Leben.
Um dieses Geheimnis ein wenig besser zu verstehen, möchte ich Sie heute einladen, auf ein kleines Wunder der Natur zu schauen: die Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling.
Vielleicht haben Sie schon einmal eine Raupe gesehen.
Unscheinbar, langsam, eher unspektakulär. Sie frisst, sie kriecht – nichts deutet darauf hin, was einmal aus ihr werden kann. Und doch geschieht etwas Unglaubliches: Die Raupe spinnt sich ein, wird zum Kokon. Von außen betrachtet wirkt alles still, fast wie tot. Aber im Inneren geschieht eine Verwandlung. Eine neue Wirklichkeit wächst heran. Und eines Tages bricht der Kokon auf. Ein Schmetterling kommt hervor – leicht, farbenprächtig, frei.
Was für ein Bild für Ostern!
Denn genau das feiern wir heute: Jesus geht durch den Tod hindurch – wie durch einen Kokon. Das Grab ist nicht das Ende, sondern der Ort der Verwandlung. Er ist derselbe – und doch ganz neu.
Darum erkennt Maria ihn nicht sofort. Darum kann sie ihn nicht festhalten. Er gehört jetzt ganz zur Welt Gottes.
Liebe Schwestern und Brüder,
dieses Bild von Raupe und Schmetterling ist mehr als nur ein schöner Vergleich. Es sagt etwas über uns selbst.
Der Apostel Paulus schreibt im Kolosserbrief: „Ihr seid mit Christus auferweckt… euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.“ Das bedeutet: Unser Leben ist mehr, als wir im Moment sehen.
Im Bild gesprochen: Wir sind noch unterwegs – manchmal schwerfällig wie Raupen, gebunden an das Irdische, beschäftigt mit dem Alltag, mit Sorgen, mit Grenzen. Aber das ist nicht alles.
In uns ist schon jetzt ein neues Leben angelegt. Ein Leben, das einmal zur vollen Entfaltung kommen wird – bei Gott.
Der Schriftsteller Heinrich Böll hat einmal gesagt: Wenn die Raupen wüssten, dass sie einmal Schmetterlinge werden, würden sie ganz anders leben: froher, hoffnungsvoller, zuversichtlicher. Vielleicht ist das genau die Botschaft von Ostern für uns heute.
Denn wenn wir ehrlich sind: Unsere Welt hat oft wenig von Leichtigkeit. Viele Menschen leben mit Unsicherheit – angesichts von Krisen, Konflikten, wirtschaftlichen Sorgen. Auch im persönlichen Leben gibt es „Kokons“: Ängste, Gewohnheiten, Verletzungen, die uns einengen. Und manchmal fühlt sich alles festgefahren an – als gäbe es keinen Ausweg.
Ostern aber sagt: Es gibt Verwandlung. Es gibt neues Leben. Es gibt einen Weg durch das Dunkel hindurch.
Nicht immer sofort sichtbar. Nicht immer leicht zu glauben. Aber real.
Der Auferstandene ruft auch uns beim Namen – so wie Maria. Er ruft uns heraus aus unseren inneren Gräbern. Er lädt uns ein, schon heute anders zu leben.
Was heißt das konkret?
Vielleicht:
- mehr Vertrauen wagen, auch wenn nicht alles sicher ist,
- mehr Hoffnung zulassen, auch wenn vieles dagegen spricht,
- mehr Liebe schenken, auch wenn es Kraft kostet.
Oder mit den Worten des Kolosserbriefes: „Richtet euren Sinn auf das, was oben ist.“ Das heißt nicht: die Welt vergessen. Sondern: die Welt mit anderen Augen sehen. Mit österlichen Augen.
Liebe Schwestern und Brüder,
die Verwandlung der Raupe in einen Schmetterling ist ein Wunder. Aber das Wunder von Ostern ist größer.
Denn es betrifft nicht nur die Natur – es betrifft uns. Unser Leben. Unsere Hoffnung. Unsere Zukunft.
Darum dürfen wir heute sagen – nicht als schöne Formel, sondern als tiefste Wahrheit unseres Glaubens: Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaft auferstanden. Und das bedeutet: Das Leben siegt.
Die Liebe bleibt. Und wir sind auf dem Weg – von der Raupe zum Schmetterling, von der Vergänglichkeit zur Herrlichkeit Gottes. Amen.



