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Pater Peter Uzor: „Gott will das Heil aller Menschen“

In seiner Predigt zum 20. Sonntag im Jahreskreis (Evangelium: Mt 15,21-28) bezeichnet unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor die im Evangelium erzählte Geschichte als eine der „erstaunlichsten im ganzen Evangelium“. Dabei beschreibt Pater Peter, was es im Heilsplan Gottes bedeutet, dass Jesus als wahrer Mensch sich überzeugen lässt, und wie sich daraus das Christentum erst entwickeln konnte.

 

Anbei die Worte der Predigt von Pater Peter:

 

Kennen Sie das: Sie bitten jemanden um etwas – und bekommen erst einmal gar keine Antwort? Nicht Nein, nicht Ja. Einfach Schweigen. Das ist manchmal schwerer auszuhalten als eine klare Absage. Genau das widerfährt der Frau im heutigen Evangelium. Und es widerfährt ihr ausgerechnet bei Jesus.

Schauen wir genau hin, denn diese Geschichte gehört zu den erstaunlichsten im ganzen Evangelium.

Jesus hält sich im Gebiet von Tyrus und Sidon auf – ins heutige Libanon, heidnisches Gebiet, nicht sein eigentliches Wirkungsfeld. Vielleicht wollte er sich einfach zurückziehen, Kräfte sammeln, nach den Streitgesprächen mit den Schriftgelehrten einmal durchatmen. Doch daraus wird nichts. Eine Frau, eine Kanaanäerin, läuft ihm nach und schreit: „Herr, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.“ Und Jesus? Er sagt kein Wort. Er schweigt sie einfach an.

Die Jünger werden es leid und drängen ihn, sie wegzuschicken. Da öffnet Jesus endlich den Mund -aber nicht, um zu helfen, sondern um seine Grenze zu erklären: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Und als die Frau trotzdem nicht aufgibt, vor ihm niederfällt und fleht, wird Jesus sogar deutlich: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ Die Heiden -mit Hunden verglichen. Das sitzt. Das tut weh. Und wir dürfen ruhig zugeben: An dieser Stelle wirkt Jesus nicht wie der milde, gütige Heiland, den wir uns oft vorstellen. Er wirkt schroff. Fast unnahbar.

Und trotzdem geschieht dann das eigentliche Wunder dieser Erzählung – noch bevor die Tochter geheilt wird. Die Frau lässt sich nicht abweisen. Sie beleidigt sich nicht in ihrer Würde verletzt zurück, sie wird nicht bitter, sie zieht sich nicht gekränkt zurück. Sie nimmt sogar das harte Bild auf und dreht es um: „Ja, Herr! Aber auch die Hunde essen doch von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Mit anderen Worten: Es ist doch genug da für alle. Warum sollte Gottes Güte für die einen reichen und für die anderen nicht?

Und da geschieht etwas, das die Kirche jahrhundertelang kaum wagte auszusprechen: Jesus lässt sich überzeugen.

Er ändert seine Haltung. Er sagt: „Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“ Jesus – der Sohn Gottes – lernt etwas. Von einer Frau. Von einer Fremden. Von jemandem, der nach damaligem Verständnis gar keinen Anspruch auf sein Erbarmen hatte.

Ist das nicht verstörend? Vielleicht. Aber es ist zutiefst biblisch. Im Hebräerbrief heißt es über Jesus: „Obwohl er Gottes Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, Gehorsam gelernt“ (Hebr 5,8).

Jesus ist wahrer Gott – daran halten wir fest. Aber er ist eben auch wahrer Mensch, uns in allem gleich außer der Sünde. Und lernen zu müssen ist keine Schwäche, sondern zutiefst menschlich. In dieser Begegnung wird Jesus etwas klar, das seine ganze Sendung erweitert:

Gott will nicht nur das Heil des einen Volkes. Er will das Heil aller Menschen. Nicht als nachträgliche Korrektur, sondern als das, was in seiner Botschaft von Anfang an angelegt war -nur musste es sich erst entfalten, auch in Jesu eigenem Herzen.

Und was für eine Wirkungsgeschichte das hatte! Wäre Jesus bei seinem ersten Satz geblieben – „nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ – dann gäbe es uns heute nicht in dieser Kirche. Dann wäre aus der Jesusbewegung eine kleine jüdische Reformgruppe geworden, längst vergessen. Aber weil diese Grenze überschritten wurde, konnte der Apostel Paulus wenige Jahrzehnte später an die Gemeinde in Kolossä schreiben: Es gibt „nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Sklaven oder Freie -sondern Christus ist alles und in allen“ (Kol 3,11). Diese kanaanäische Frau steht am Anfang eines Weges, der bis zu uns führt.

Liebe Schwestern und Brüder, diese Erzählung schenkt uns heute zwei Dinge, die uns mitten ins Leben treffen.

Das Erste: Sie fragt uns, wo wir selbst heute Grenzen ziehen, die nicht im Sinne Jesu sind. Wen schließen wir – bewusst oder unbewusst – aus unserem Mitgefühl, aus unserer Kirche, aus unserem Herzen aus, weil er anders glaubt, anders lebt, anders aussieht, nicht zu „unseren Leuten“ gehört? Die Frohe Botschaft dieses Evangeliums ist: Bei Gott gibt es diese Grenze nicht.

Alle Menschen sind zuerst und zuletzt Gottes Menschen.

Und das Zweite: Diese Frau lehrt uns, wie man betet, wenn Gott zu schweigen scheint. Wie oft erleben wir das – wir bitten, wir hoffen, wir flehen, und der Himmel bleibt stumm. Dann ist es leicht, aufzugeben, sich gekränkt zurückzuziehen, zu resignieren. Diese Frau tut das nicht. Sie grollt nicht, sie schmollt nicht. Sie verschwendet ihre Kraft nicht an Verletzung, sondern setzt sie ganz für ihr Vertrauen ein.

Sie glaubt nicht an den Mangel – sie glaubt an die Fülle Gottes, gerade dann, wenn nichts danach aussieht.

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht tragen auch Sie heute eine Bitte mit sich, für die Sie schon lange beten, ohne eine Antwort zu spüren. Für einen kranken Menschen, für eine zerbrochene Beziehung, für eine Entscheidung, die einfach nicht fallen will. Dann nehmen Sie sich diese kanaanäische Frau zum Vorbild: Bleiben Sie dran. Lassen Sie sich vom Schweigen nicht entmutigen. Und schauen Sie zugleich mit ihren Augen auf die Menschen um Sie herum – ob es da jemanden gibt, dem Sie insgeheim das Brot vom Tisch nicht gönnen, weil er anders ist als Sie. Diese Frau hat Jesus verändert. Lassen wir zu, dass ihr Glaube auch uns verändert. Amen.