Der Theologe und Kirchenkritiker Eugen Drewermann gab anlässlich seines 80. Geburtstags, den er am 20. Juni feierte, katholisch.de ein Interview, in dem er über die Glaubenskrise in der heutigen Zeit sprach. Diese sieht er nicht im Voranschreiten der Wissenschaften begründet, als vielmehr in einem falsch verstandenen Gottesbild.

Drewermann erkennt ein großes Problem, wenn er analysiert, dass ein großer Teil der Bevölkerung in Deutschland zur Botschaft Jesu keinen Zugang mehr hat und die Kirchen es nicht schaffen die Frohe Botschaft so zu vermitteln, dass Menschen heute wie zur Zeit Jesu erkennen, „dass das Neue Testament etwas zu sagen hat, das unser Leben entscheidend von Angst in Vertrauen, von Verzweiflung in Hoffnung, von Aggression in Güte verwandeln könnte“.

Den Grund sieht er in einem seiner Ansicht nach fehlerhaft vermittelten Gottesbildes in Form eines Wunscherfüllers, das angesichts des Leids in der Welt „zum Enttäuschungsatheismus“ führe. Dazu erklärte Drewermann:

„Der Glaube an Gott, wie Jesus ihn uns gelehrt hat, interpretiert nicht die Natur. Für Jesus steht einzig der Mensch im Mittelpunkt seiner Verkündigung.“

Jesus Absicht sei es nie gewesen, den Kosmos zu erklären, sondern „in Gott zu Ruhe zu kommen und diese Welt zu bestehen, wie sie ist“. Dabei betonte der Theologe:

„Gott ändert nicht die Welt zu unseren Gunsten, er hilft uns, über den Abgrund dieser Welt hinüberzugehen bis zum anderen Ufer.“

Und weiter:

„Dieses Vertrauen zu gewinnen ist der Sinn aller Gebete und ihre Erfüllung, dass Gott uns seinen Engel, seinen Geist schenkt, um uns durchzuhalten.“

Dabei brachte Drewermann zum Ausdruck, dass für eine Erklärung der Natur die Naturwissenschaften zur Verfügung stünden, die aber wiederum auf lebenswichtige bzw. existenzielle Fragen, „die Menschen an ihr Leben richten“, keine Antworten liefere. Mit klaren Worten verdeutlichte der 80-Jährige:

„Der Natur sind wir nichts als Übergangswesen – woher erhalten wir die Kraft, inmitten der Gleichgültigkeit der Natur unsere Menschlichkeit zu finden und zu bewahren? Dafür brauchen wir Religion.“

Ein nachdenkenswerter Gedanke für eine Gesellschaft, die zuweilen mit der Floskel „Glauben heißt nichts wissen“ an der Lebensrelevanz des Glaubens vorbeiblickt.

Quelle: katholisch.de