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Der berühmteste lebende deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat am 18. Juni seinen 90. Geburtstag gefeiert. In einem Beitrag zu diesem Anlass im Deutschlandfunk mit dem Titel „Alt, aber nicht fromm“ ist die Religiosität des Jubilars Thema. Darin wird beschrieben, dass Jürgen Habermas „auch im hohen Alter offenbar ‚religiös unmusikalisch'“ geblieben sei.

Mit den Worten „Ich bin alt, aber nicht fromm geworden“ habe sich Habermas immer wieder gegen Vorwürfe zur Wehr gesetzt, dass seine Beschäftigung mit dem Thema Religion mit zunehmendem Alter intensiver werden würde, berichtet Henning Klingen im Deutschlandfunk. Dennoch habe Religion für Habermas „immer eine wichtige Rolle – nicht in Form persönlicher Spiritualität, wohl aber in Form eines wissenschaftlichen Interesses“, so Henning Klingen weiter.

Bei seinem Interesse für Religion gehe es Habermas „vielmehr darum, angesichts von gesellschaftlichen Zersetzungserscheinungen und moralischen Defiziten in der politischen Öffentlichkeit nach Ressourcen zu suchen, die das Zeug haben, Kitt für die Gesellschaft zu sein“, so Henning Klingen im Deutschlandfunk. (Den Artikel dazu gibt’s HIER)

So hat Jürgen Habermas 2001 in seiner berühmten Paulskirchenrede gefordert, die Religion wieder in den öffentlichen Diskurs einzubeziehen und betont, dass der der religiöse Bürger im säkularen Staat als religiöser Bürger wieder ernst genommen werden müsse und ihm nicht zugemutet werden dürfe, in öffentlichen Diskursen von seiner Religiosität zu abstrahieren. Weiter sagte er, dass wir zum Beispiel zur Fundierung des für unsere Gesellschaften zentralen Begriffs der Menschenwürde wieder „rettende Übersetzungen“ des jüdisch-christlichen Begriffs der Gottebenbildlichkeit benötigten. Dieses Verständnis gehöre zum Fundament des Menschenwürdebegriffs.

Weiter betonte er damals:

„Als sich Sünde in Schuld, das Vergehen gegen göttliche Gebote in den Verstoß gegen menschliche Gesetze verwandelte, ging etwas verloren.“

Mit Blick auf seine eigene Religiosität äußerte Habermas in der Vergangenheit:

„Ich bin religiös unmusikalisch.“

Aber auch der „religiös unmusikalische Bürger“ müsse religiösen Überzeugungen einen Status zuerkennen, „der nicht schlechthin irrational ist“, so Habermas weiter.

2004 traf Jürgen Habermas zum ersten Mal auf Papst Benedikt XVI. In der katholischen Akademie in München führten diese Vertreter zweier Welten ein Streitgespräch auf höchstem Niveau. In der Diskussion betonte Habermas nicht nur die Notwendigkeit des Respektes gegenüber den Gläubigen, der generell auf der Achtung vor Personen und Lebensweise gründe, sondern er verwies auf etwas Entscheidendes: In den Religionen, sofern sie nur Dogmatismus und Gewissenszwang vermieden, könne „etwas intakt bleiben, was andernorts verloren gegangen ist“.

Weiter betonte er damals:

„Die weltanschauliche Neutralität der Staatsgewalt, die gleiche ethische Freiheiten für jeden Bürger garantiert ist unvereinbar mit der politischen Verallgemeinerung einer säkularistischen Weltsicht. Säkularisierte Bürger dürfen, soweit sie in ihrer Rolle als Staatsbürger auftreten, weder religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotential absprechen, noch den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen.“

Vielmehr könne „eine liberale politische Kultur“ von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie sich dahingehend bemühen, „relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen“, so Habermas weiter.

Religionen, so Habermas in anderen Publikationen, können Beiträge zum Bestehen der Gesellschaft leisten, die diese im Zuge einer „entgleisenden“ Säkularisierung nicht zur Kenntnis nehmen wolle.

Quellen: deutschlandfunk.de, herder.de, st-bernhard.at, taz.de, hans-waldenfels.de, friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de