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Mit Blick auf die heutige Sonntagslesung (1 Kön 19,9a.11-13a) und das heutige Sonntagsevangelium (Mt 14,22-33) spricht unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor darüber, wie Menschen wie Elija und Petrus es gewagt haben, Gottes verborgene Gegenwart zu entdecken und dadurch neue Wege in ihrem Leben entdeckt haben, so dass sie feststellen konnten: Gott ist immer da. Gott ist jeden Tag neu. Er lockt uns immer aufs neu an.

Hier die Worte seiner Predigt:

Wo ist Gott?

Die Frage nach Gottes Gegenwart hat Menschen seit Urzeiten umgetrieben. Wo war Gott, als die grausamen Ereignisse der Weltgeschichte geschehen sind? Wo war Gott, als Menschen unbändig nach ihm geschrien haben? Wo war Gott, als wir ihn so sehr gebraucht hätten und dennoch an seiner Verborgenheit verzweifelt sind?

Wo ist Gott? Das ist die Grundfrage, die auch unsere ganze Heilige Schrift durchzieht.

Menschen sind auf der Suche nach Gott, sie wollen ihn finden, seine Präsenz entdecken. Was nützt schon ein Gott, der droben im Himmel sitzt und die Schöpfung ihrem Schicksal überlässt? So mag man sich fragen angesichts der immer neuen Erfahrung von Gottes Abwesenheit. „Dein Angesicht, Herr, will ich suchen“, formuliert der Beter in Psalm 27. Aber was, wenn dieses Antlitz verborgen ist? Diese Erfahrung ist uns Menschen nicht fremd. Allzu oft suchen wir und suchen und finden doch nichts. Die Resultate sind Verzweiflung und die immer neue Frage:

Wo ist Gott? Und wo lassen sich seine Spuren in meinem Leben entdecken? Wie begegnet Gott den Menschen? Wie teilt er sich selber mit? Wie erfahren wir seine Nähe? Sowohl die Lesung wie auch die Erzählung im Matthäusevangelium geben darüber Auskunft.

Die zwei Schrifttexte stammen aus unterschiedlichen Zeiten, sie wurden von verschiedenen Autoren aufgeschrieben, sie reflektieren Erfahrungen von Menschen, die in existentiellen Situationen nach Gottes Präsenz Ausschau halten.

Da ist die Elija, der große Prophet, der im Judentum bis heute eine besondere Stellung einnimmt. Aber das Leben des Elija verläuft nicht geradlinig. Es weist einen sehr markanten Bruch auf: 450 Priester des Götzen Baal lässt Elija vom Volk umbringen. Sie wollen sich nicht dem Gott Israels zuwenden und ihm dienen. Deshalb wird diesen Priestern diese grausame Strafe zuteil. Doch Elija zweifelt. Das Handeln, das für ihn vordergründig richtig war, stellt er radikal infrage. Ist es wirklich im Sinne des lebendigen Gottes, andere Menschen zu töten, weil sie sich nicht zu ihm bekehren wollen? Elija weiß um seine Fehler und er zieht Konsequenzen: Zurückgezogen in der Wüste wünscht er sich selbst den Tod. Doch Gott lässt das Scheitern seines Propheten nicht zu. Er will ihn zur Umkehr aufrufen, er will ihm begegnen, ihn mit seiner Gegenwart beschenken.

Die Frage nach der heilbringenden Präsenz Gottes ist für Elija mit einem erneuten Prozess des Scheiterns verknüpft.

Seine Vermutungen, wo er Gottes Gegenwart entdecken könne, schlagen fehl. Gott ist nicht im Sturm. Gott ist nicht im Erdbeben. Gott ist nicht im Feuer. Der allmächtige Gott, den Elija so vehement gegen die Baalspriester verteidigt hat, er offenbart sich nicht in den gewaltigen Auswüchsen der Natur. „Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln“, heißt es am Ende der heutigen Lesung.

Martin Buber hat es so übersetzt: Gott offenbart seine Nähe in einer Stimme des „verschwebenden Schweigens“. Wie ein Atemzug.

Elija sieht auch nichts von ihm – er hört auch kein Wort, keine Stimme, nur den Hauch. Elija verhüllt sein Gesicht in seinem Mantel, schleicht nach draußen und stellt sich vor die Höhle. Elija hat Gottes Atem, seinen Lebensatem gehört – und dann ist ER weg. Jetzt ist alles still. Im Schweigen verhüllt. Elija atmet. Ein und aus.

Hatte Gott nicht am Anfang den Menschen seinen Atem gegeben? Ist sein Atem nicht meine Seele? Verbindet uns das nicht alle? Gott lässt sich hören. Gewalt ist nicht einmal in seiner Stimme. Wenn er kommt, atmet alles auf.

Bei Elija stellt sich eine Überraschung ein: In diesem „sanften Hauch“ ist Gott da! Hier ist er gegenwärtig, hier ist er ganz und gar da. Ein Hauch, der alles verwandelt, alles verändert.

Die Erfahrung dieser Gegenwart geht mit einer Veränderung einher: Jetzt kann Elija hinausgehen, sich vor die Höhle stellen und neue Wege wagen. Dieses Geschenk der Nähe Gottes, das Elija am Horeb erhält, fordert von ihm ein neues Handeln ein.

Elija muss anders weitermachen. Wer Gott in seinem Leben gefunden hat, der kann nicht einfach so weitermachen wie zuvor. Sein Leben wandelt sich, verändert sich von Grund auf. Elija hat Gottes verborgene Gegenwart entdeckt. In der Stille des Schweigens hat er die Nähe des lebendigen Gottes gefunden.

 

Ganz ähnlich ist auch die zweite Geschichte gestrickt, die wir eben im Evangelium gehört haben. Hier sind es die Jünger, die in eine sehr existentielle Erfahrung geraten: Mit dem Boot sind sie auf dem See unterwegs, als sie in einen Sturm geraten. Der Kahn wird hin- und hergeworfen, Wasser schwappt über – der Gegenwind macht das Vorwärtskommen schwierig. Das „galiläische Meer“ sträubt sich gegen die Jünger, die mit ihrer menschlichen Kraft gegen die Naturgewalten ankämpfen.

Das Evangelium schweigt, welche Fragen in diesem Moment in den Jüngern aufbrechen. Und doch macht Matthäus eines deutlich: Den Jüngern fehlt das Vertrauen. Sie haben nicht den Mut, sich darauf einzulassen, dass ihnen nichts geschehen kann, weil Gott da ist. Im Gegenwind lässt ihre Kraft nach. Mitten auf dem See fühlen sie sich alleingelassen und verloren. Wer weiß schon, ob sie jemals heil am anderen Ufer ankommen werden.

Und plötzlich, in der Mitte der Nacht, in der vierten Nachtwache, steht Jesus vor ihnen. Und er spricht zu ihnen: „Ich bin es, fürchtet euch nicht“. „Ich bin es“: Der uralte Gottesname klingt durch, den Gott dem Mose am brennenden Dornbusch offenbart hat: „Ich bin der Ich bin“.

Der „Ich bin“ zeigt dem Volk seine Nähe, weil er der ist, der mitgeht, der seinen Auserwählten niemals von der Seite weicht.

In Jesus, seinem Sohn, ist er den Jüngern nahe. Sie brauchen sich nicht zu fürchten, ihr Zaudern und Verzagen sind unnütz. Gott ist da. Sie sind nicht alleine oder verlassen. Er umfängt sie mit seiner heiligen Gegenwart.

Die Jünger durchleben eine Gottesbegegnung, die sie zu Besonderem befähigt: Petrus kann hinausgehen auf das Wasser – es trägt!

Der Glaube an die Gegenwart Gottes trägt ihn.

Bis Petrus an dieser Nähe zweifelt, bis ihn seine Angst übermannt, bis er Gottes Nähe erneut infrage stellt. Das ist der Punkt, an dem er untergeht.

Als seine Glaube an diese Präsenz Gottes zerbricht, hat er nichts mehr, was ihn mitten auf dem See tragen könnte.

Jesus kommt mit ins Boot. Das Wasser beruhigt sich. Allmählich bildet sich in den Jüngern die Überzeugung:

In Jesus ist nicht nur ein Mensch wie wir bei uns. In diesem Menschen ist zugleich der Gott unserer Väter nahe.

Gott beherrscht das Chaos, und sein Name – Jahwe – verspricht, dass er da ist, immer, wenn wir die Rettung und Weisung, aber auch Trost und Umkehr brauchen. Ihn müssen wir im Blick haben und seine ausgestreckte Hand annehmen.

Wo ist Gott? Mit dieser Frage haben wir unsere Überlegungen angefangen. Elija und die Jünger haben um die Gegenwart Gottes gerungen. Sie haben sein Antlitz gesucht und sie sind zunächst daran verzweifelt, weil sie es nicht gefunden haben. So wenig wie Gott im Sturm oder im Erdbeben ist, so wenig scheint er zugegen, als die Jünger auf dem See gegen den Sturm ankämpfen.

Doch die beiden Erzählungen lassen sich sehr prägnant auf den Punkt bringen: Auch wenn es augenscheinlich nicht so aussieht – Gott ist da. Der „Ich bin“ begleitet das Leben der Menschen, auch wenn seine Gegenwart auf den ersten Blick nicht zugänglich erscheint.

Wer Gott sehen und entdecken will, der darf sich nicht mit dem Erstbesten zufrieden geben. Der darf nicht nur auf sein eigenes Wissen bauen. Wer Gott wirklich sucht, der muss die Fähigkeit besitzen, sich überraschen zu lassen. Der muss fähig sein, Gottes Gegenwart dort zu entdecken, wo man ihn eigentlich nie und nimmer vermuten würde. Gott ist jeden Tag neu und fordert uns jeden Tag erneut heraus.

Die Bibel lehrt uns, anders zu sehen.

Sie lädt uns ein, Gott im „schwebenden Schweigen“ und in der finstersten Nacht zu suchen. Sie ermutigt uns, im Vertrauen auf seine Präsenz das Unmögliche zu wagen und neue Wege einzuschlagen.

Gott ist da: Das ist das Fundament, auf dem unser Glaube aufbaut.

Das ist die unverbrüchliche Zusage, die Gott dem Mose gegeben hat und die bis heute Gültigkeit besitzt. Gott ist da. Aber wo er in unserem Leben ist, das müssen wir entdecken. Das ist die bleibende Aufgabe, die uns unser ganzes Leben begleitet.

Amen.

 

Hier ein schöner Song zu Gegenwart Gottes: