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In seiner Auslegung des Evangeliums zum Christkönigssonntag (Mt 25,31-46), dem letzten Sonntag im Kirchenjahr, haben unseren geistlichen Begleiter Pater Dr. Peter Uzor besonders die letzten Worte im Evangeliumstext „Die Gerechten aber werden zum ewige Leben gehen“ beeindruckt und angesprochen. Dabei betont er das Bild vom guten Hirten, das sich durch beide Testamente zieht und so eindrücklich ist, dass es in den ersten Darstellungen der frühen Kirche zum „Logo“ für Jesus wurde. Das Bild des fürsorglichen Hirten, der sich kümmert, der die Schafe weidet und so dafür sorgt, dass sie am Leben bleiben, der das Verlorene sucht und das Kranke kräftigt, ist Ausdruck unserer Sehnsucht nach Heilsein, Geborgen- und Geschützsein, nach Rettung und Hilfe. Am Ende dieses vollkommen verrückten Corona-Kirchenjahres ist die Sehnsucht nach so einem Hirten, der uns trägt, beschützt und führt, vielleicht besonders groß. Der Christkönigssonntag schenkt uns hier Hoffnung und Perspektive: Der König des Himmels und Herrscher über das All, wie wir im Gloria singen, nimmt es selbst in die Hand und kümmert sich um uns.

Hier die Worte der Predigt von Pater Peter, die er unter den Titel „Was letztlich entscheidend ist“ stellt:

Im Mittelpunkt des Christkönigsfestes steht heute die Schilderung vom Weltgericht am Ende der Zeiten. Unmittelbar vor seinem Tod, zu einem bedeutsamen Zeitpunkt also, verkündet Jesus seinen Jüngern, dass er einmal als König wiederkommen und über die ganze Welt Gericht halten wird. Dann gibt es endgültige Gerechtigkeit.

Kriterium für das richterliche Urteil werden die Werke der Barmherzigkeit sein.

Konkret will uns der Weltenrichter am Ende fragen, ob wir Hungrige gespeist und Dürstende getränkt haben, ob Fremde bei uns eine Herberge fanden und Nackte Kleidung bekamen und ob wir Kranke und Gefangene besucht haben. Aber Christus prüft nicht nur unser Tun und Lassen, er geht noch weiter.

Er, der König der Welt, identifiziert sich mit den „Geringsten“, mit den Notleidenden und Elendigen.

Für uns heißt das: Was wir diesen Menschen antun, ob Gutes oder Böses, das tun wir ihm an. Wo wir Hilfe verweigern, verweigern wir sie ihm.

Es gab Zeiten in der Kirchengeschichte – und vielleicht gibt es sie auch heute noch -, in denen das Evangelium vom Weltgericht in aller Schärfe ausgelegt worden ist: In phantasievollen Kunstwerken und ausdrucksreichen Predigten wird der kommende Menschensohn als strenger Richter dargestellt, der nicht davor zurückschreckt, Menschen für immer zu verdammen, und vor dem man sich dementsprechend stets zu fürchten hat.

Und es gab Zeiten in der Kirchengeschichte – und vielleicht gibt es sie auch heute noch -, in denen dasselbe Evangelium in aller Milde ausgelegt worden ist: Durch die auffällige Betonung des zuletzt doch belohnenden Königs und am besten noch durch die Auslassung des zweiten Teils des Evangeliums, der ja von der Bestrafung handelt, in der Verkündigung, wird der kommende Menschensohn als derjenige dargestellt, der jeden kleinsten Liebesdienst mit ewigem Leben krönt und von dem man letztlich nichts Schreckliches zu erwarten hat.

Der furchteinflößende Richter einerseits, der ewiglich verdammt, und der harmlose König andererseits, der nichts anderes tut, als für immer zu beschenken – beide Extreme interpretieren das Evangelium vom Weltgericht ziemlich einseitig.

Nehmen wir es doch einfach so, wie es dasteht – mit seinem Zuspruch und mit seinem Anspruch – und betrachten es unter drei Aspekten.

Erstens. Das Evangelium sagt uns, dass Jesus das letzte Wort hat. Das letzte Wort darüber, ob mein Leben sinnhaft und wertvoll war, wird nicht ein Dienstvorgesetzter sprechen, dem ich es im Job ohnehin niemals recht machen kann und der permanent an mir herumnörgelt. Auch nicht die für mich zuständige Verwaltungsfachangestellte wird mich endgültig zu beurteilen haben, auch wenn sie derzeit meine eingereichten Unterlagen für unvollständig erachtet oder meinem Antrag nicht stattgeben will. Auch nicht der Pfarrer oder der Bischof, die Schwiegereltern, nicht einmal der eigene Partner oder die Kinder werden letztlich über mich zu urteilen haben, sondern Jesus. Das darf mich zunächst einmal entlasten und ermutigen. Zugleich ermahnt mich diese Wahrheit dazu, Jesus auch ernst zu nehmen und mich an ihm zu orientieren, indem ich versuche, durch das Gebet mit ihm in Kontakt zu bleiben, im Gewissen seiner Stimme zu folgen und von seiner Weisung her mein Leben prägen zu lassen.

Zweitens.

Das Evangelium sagt uns, dass das letzte Beurteilungskriterium Jesu die Taten der Liebe sind.

Es geht letztlich nicht darum, ein Vermögen auf der Bank anzuhäufen und reicher zu sein als das Umfeld, jeden Modetrend mitzugehen und im Vergleich mit den anderen schöner und attraktiver zu wirken, soviel Wissen als möglich in sich hineingestopft zu haben und alle anderen an Bildung zu überragen. Um all das geht es Jesus letztlich nicht und das darf mich beruhigen. Das, was für ihn zählt, sind die von uns auf Erden vollbrachten Liebestaten im Kleinen sowie im Großen. Sie sind der Schlüssel zum Himmel. Wenn dem aber so ist, dann habe ich vielleicht meine Lebensgestaltung etwas zu korrigieren und etwas weniger auf Geld, Prestige, Schönheit, Fitness, Wissen und Macht zu setzen und etwas mehr auf den Liebesdienst an anderen durch das, was ich ihnen schenke: Zeit, Geduld, Herzlichkeit, Hilfe, Trost.

Bemerkenswert ist: Einziges Kriterium in diesem Gericht ist die Liebe oder die Werke der Barmherzigkeit und zwar die konkrete und tätige Liebe für alle, die wirklich und existentiell Not leiden.

Es wird nicht nach dem Glauben gefragt, ob er in allem verstanden, recht gelehrt, verkündet und praktiziert wurde. Es wird nicht nach der Frömmigkeit gefragt, ob sie besonders und überzeugend war. Auch nach einem moralisch einwandfreien Leben wird nicht gefragt und ob alles befolgt und wenn nicht, auch immer gebeichtet wurde.

Es wird einzig nach dieser Liebe zu den Geringsten gefragt.

Bezeichnend ist das, beunruhigend vielleicht auch.

Drittens. Das Evangelium sagt uns, dass sich Jesus mit den Geringsten identifiziert. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40b) Die diese Liebe gelebt und verwirklicht haben, werden eingeladen, das Reich in Besitz zu nehmen. Sie haben das nicht berechnend im Blick gehabt, sondern haben ganz selbstverständlich menschlich und barmherzig gehandelt. Deswegen auch die Frage: „Herr, wann haben wir dich so gesehen und dir geholfen?“ Der Herr macht ihnen bewusst, dass sie es ihm selbst getan haben. Es ist wie im Traum des heiligen Martin von Tours, dem Christus im Traum mit dem Teil des Mantels erscheint, den er mit dem Bettler geteilt hatte. So öffnet er auch ihnen in der Stunde des Gerichts die Augen dafür „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40b)

Die Geringsten sind dabei nicht immer nur die anderen. Auch ich kann körperlich oder seelisch krank sein oder mir in bestimmten Kreisen fremd vorkommen. Auch ich kann ein hungriger und durstiger Mensch sein, in unserer Gesellschaft vielleicht nicht immer nach Brot und Wasser, aber sehr wohl nach Aufmerksamkeit und Wertschätzung, nach Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Auch ich kann mich nackt fühlen, wenn ich von anderen bloßgestellt und auf meine Defizite reduziert werde. Und auch ich kann ein Gefangener sein, vielleicht nicht unbedingt in einer Gefängniszelle, aber dafür durch anstrengende Verpflichtungen oder unfrei machende Süchte.

Was für eine Zusage, dass sich Jesus auch mit mir Geringem identifiziert!

Freilich beendet das nicht sogleich alle meine Leiden, aber diese Wahrheit lässt mich in meinen Leiden aufatmen, Kraft schöpfen und Mut gewinnen, weil er sich mit mir so verbindet. Zugleich richtet diese Wahrheit aber auch meinen Blick auf die Geringen um mich herum und trägt mir auf, sie nicht zu vergessen.

Jeder Leidende, an dem ich vorbeigehe, ist Jesus selbst, an dem ich vorbeigehe. In jedem Leidendem, dem ich mich zuwende, begegnet mir Jesus.

Vielleicht sollte ich von dem her mein Umfeld neu wahrnehmen.

Die Frage ist nicht, ob Jesus mehr der gestrenge Richter oder der beschenkende König ist. Die Frage lautet vielmehr, ob ich mich durch das Evangelium vom Weltgericht ermutigen und zugleich ermahnen lasse, durch ein Evangelium, das mir unmissverständlich sagt: Jesus hat das letzte Wort. Sein Beurteilungskriterium sind die Taten der Liebe. Und er ist unendlich nahe denen, die als die Geringsten gelten.

Amen.