Foto: privat

Seine Auslegung zum heutigen Sonntagsevangelium (Joh 17, 1-11) betitelte unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor, der am heutigen Sonntag zugleich seinen 53. Geburtstag feiert, mit den Worten „Das Leben, über das der Tod keine Macht hat“. Dabei betont der lebensfrohe Geistliche aus Nigeria, den die Zeitung Die Welt in einer Story im März 2016 als „Froher Pfarrer in Bayern“ betitelte, das ewige Leben im Diesseits.

Hier die Worte seiner Predigt:

Am Ende der Zeit, die Jesus mit seinen Jüngern teilte, lässt der Evangelist Johannes ihn noch einmal von dem sprechen, wozu ihn der Vater in die Welt gesandt hat: Jesus soll uns ewiges Leben schenken (vgl. Joh 17,2). Wir sind dieses Wort vom „ewigen Leben“ gewohnt, und doch tun wir uns schwer mit dem, was uns in ihm gesagt sein soll. Das hängt mit unserer Sprache zusammen. Bei „ewigem“ Leben denken wir schnell an ein ins Unendliche verlängertes Leben. Das können wir uns wohl gar nicht ernsthaft wünschen. Und das ist auch nicht gemeint. Bei „ewigem Leben“ denken wir zudem oft nur an das Leben nach dem Tode. Das ist aber auch nicht gemeint.

Das ewige Leben beginnt bereits in unserem irdischen Leben.

Es ist das Leben, über das der Tod keine Macht hat. Es ist das Leben, wie Gott es hat; ja, Gott selbst ist das ewige Leben. Und Jesus ist gekommen, um uns an diesem Leben Gottes teilhaben zu lassen.

Geschehen soll das dadurch, dass wir „Gott erkennen“. Mit „erkennen“ ist in der Bibel etwas anderes gemeint als in unserer Umgangssprache.

„Erkennen“ ist da nicht zuerst ein Vorgang im Kopf, sondern im Herzen.

Jemanden erkennen meint dann etwa: sich mit ihm vertraut machen – sich ihn zu Herzen nehmen – ihn in das eigene Herz einlassen und mit ihm leben.

Biblischer Glaube an Gott ist schon vor Jesus vor allem eine Herzenssache.

So teilen wir mit den Juden die Weisung, Gott zu lieben mit ganzem Herzen. Dabei ist das Herz nicht nur Ort der Gefühle. Das Herz kann und soll auch den Kopf in Dienst nehmen, damit es erkennen kann. Und Liebe mit dem Herzen meint auch eine Liebe, die lieben will, also nicht von wechselnden Gefühlen abhängig ist, sondern sich festmacht bei dem, den sie liebt.

„Gott erkennen“ ist so nicht nur eine Sache der Theologen, sondern all derer, die Jesus mit Gott, seinem Vater vertraut macht, die sich von ihm Gott zeigen lassen. Und es ist nicht nur etwas gleichsam Theoretisches. Es meint eine gelebte Vertrautheit mit dem Willen Gottes.

Gerade durch das Tun des guten Willen Gottes wird der Mensch vertraut mit Gott als seinem guten Vater.

Wer sich dem Willen Gottes verschließt, dem bleibt Gott fremd – auch wenn er noch so viel Theologie studiert.

Jesus hat begonnen, uns mit seinem Gott und Vater vertraut zu machen. Er zeigt uns Gott, seinen und unseren Vater, als Geheimnis der Liebe. Wo wir dies uns zu Herzen gehen lassen und im Einklang mit dieser Liebe zu leben suchen, da ist diese Liebe in uns.

Der große Theologe Karl Rahner sprach vom Werden des ewigen Lebens in uns während unseres Erdenlebens. Jeden Tag kann und soll in uns das ewige Leben beginnen und uns immer mehr ergreifen, indem wir Gott als Liebe einlassen in unser Leben und ihn das von ihm gewollte Gute durch uns tun lassen. Darum wird unser ewiges Leben verwirklicht sowohl in der Gottes- als auch in der Nächstenliebe – sowohl im Gebet als auch in christlicher Lebenspraxis. Das lässt uns bedenken, dass das ewige Leben in uns gefährdet bleibt. Wir können das Werben Gottes um unsere Offenheit für ihn vergessen oder uns ihr verschließen. Wir können müde werden in der Liebe. Wir können sogar dem Feind des Lebens in uns Raum geben, dem Hass, dem Neid. Wir können der Täuschung verfallen, durch Macht, Reichtum und Ansehen das Leben gewinnen zu können.

Die Antwort auf das Warum unseres Erdendaseins kann in relativ einfachen Worten gesagt werden: Der geheimnisvolle Grund von allem, was da ist, ist die Liebe Gottes.

Ihr sollen wir uns öffnen. In ihr sollen wir auch einander lieben. Je tiefer wir uns darauf einlassen, desto mehr wächst in uns das Leben, das uns im Tod nicht genommen, sondern vollendet wird. In der Auferweckung Jesu hat es sich als das Leben erwiesen, das der Tod Jesus nicht nehmen konnte.

Die Liebe Gottes ist stärker als der Tod.

Der ganze Evangeliumstext (Joh 17) ist ein Gebet aus dem Munde Jesu. Immer wieder hat sich Jesus zum Gebet zurückgezogen oder sich dem gemeinsamen Gebet in den Synagogen Israels angeschlossen. Von ihm lernen wir das Beten vor allem im Konzentrat des Vaterunser. Johannes überliefert es uns zwar nicht direkt, doch spricht Jesus auch hier Gott als seinen Vater an.

Wer Gott so deutlich seinen „Vater“ nennt, den bezeichnen wir zu Recht als „Sohn“.

Zentral dabei ist, dass die einmalige Vater-Beziehung Jesu seine Jünger gerade nicht ausschließt, sondern vielmehr eine neue Nähe zu ihnen stiftet. Jesus betet eben „Vater unser“ und nicht „Vater mein“. Dadurch nimmt er alle in dieses Vertrauensverhältnis einer Familien-Beziehung mit hinein und setzt nicht auf das Machtgefälle eines Herrschers zu seinem Volk.

Die Kirche erinnert uns in unserer Sonntagslesung an die Gebetsgemeinschaft der Christen vor Pfingsten, um uns in diesen Tagen vor Pfingsten betend dafür zu öffnen, dass Gott immer wieder und weiter sein ewiges Leben in uns werden lässt. Da stehen die Freunde und Verwandten Jesu nun zwischen Verzweiflung und Hoffnung und tun das, was da notwendig ist: Sie pflegen die Gemeinschaft und das Gebet. „Sie verharrten einmütig im Gebet.“ Die Zeit zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten ist eine Zeit des Wartens auf den versprochenen Beistand. Im Raum steht die Frage, wie es weitergeht nach dem Heimgang Jesu zum Vater. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu verbringen diese Zeit im Gebet.

Auch wir bitten um den Heiligen Geist, der uns zeigt, wie christliches Leben nach Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu in unserer Zeit aussehen soll.

Das Gebet Jesu und der Urgemeinde macht Mut für unser eigenes Beten mit- und füreinander. Ein reifer Glaube weiß, dass Beten zunächst einmal den Betenden selbst verändert. „Komisch“, so hörte ich einmal einen Ungetauften sagen, „ihr betet doch meistens für Sachen, die ihr eigentlich selber machen müsstet!“ Da ist etwas Richtiges dran.

Der Kinderglaube versucht Gott zu beschwören, der Erwachsene weiß um die Unverfügbarkeit des Ewigen.

Das kindliche Staunen reift zum Loben und Danken heran, weil dem Betenden sich die Augen für die Vielfalt der göttlichen Gegenwart öffnen sollen. „In der Magie soll Gott das tun, was der Mensch will, im Glauben darf der Mensch danach fragen, was Gott will, und es mit seiner Hilfe dann auch tun“ (Stefan Jürgens).

Im Gebet, das zu Recht als das „Atmen der Seele“ gilt, lebt unser Glaube auf.

Wir betreten gleichsam eine Straße, auf der uns Gott immer schon entgegenkommt. Wir versuchen zu hören, was die Stimme Gottes in unseren Alltag hineinspricht. Wir sind bereit zu tun, was in unseren Kräften steht. Nicht wir tragen im Gebet Gott etwas zu, was er noch nicht weiß, sondern wir öffnen uns für seine Nähe, für seinen „Himmel“ ganz nahe bei uns.

Es geht nicht darum Gott umzustimmen, sondern uns auf ihn einzustimmen. Im Gebet verbinden sich göttliche Vorsehung und menschliche Freiheit.

Es hilft mir, „mein eigenes wirkliches Angesicht“ zu entdecken, denn es ist „die Bitte, Gott möge seine heilige Vorsehung im Leben des Betenden verwirklichen“ (Romano Guardini).

Jemand fragt den Rabbi: Was muss ich tun, um die Welt zu retten? – So viel, wie du dazu beitragen kannst, dass morgen die Sonne aufgeht. – Aber das ist ja überhaupt nichts. Was nützen dann meine Gebete und meine guten Taten? – Sie helfen dir, wach zu sein, wenn die Sonne aufgeht.

Amen!