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Unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir, der als Klinikseelsorger viel mit Tod und Trauer zu tun hat, erkennt in der Begebenheit des heutigen Sonntagsevangeliums (Die Erscheinung Jesu am See von Tiberias – Joh 21,1-14) den klassischen Ablauf eines Trauerprozesses.

Hier die Worte seiner Predigt:

Die soeben gehörte Ostergeschichte vom Fischfang hat den Karfreitag in sich.

Warum?
Das Bild und die Erfahrung des erfolglosen Fischens ist die Fortführung der abgrundtiefen Lebenskatastrophe, weil am Karfreitag der Herr und Meister, der Sinngeber und Freund auf brutalste Weise den Jüngern genommen wurde.

Wenn man so eine Lebenskatastrophe überhaupt übersteht, sich nach Rückzug, Klagen, Weinen und dem Um-sich-scharen-um-Leidensgenossen dann wieder auf das besinnt, was man kann – bei den Jüngern war es das Fischen wieder zurück in der Heimat – , dann ist das nicht selten genau die Erfahrung: Das, was man bisher gut konnte, gelingt einem auch nicht mehr.

Eine Katastrophe folgt der anderen … Ja, es gibt solche Zeiten in unserem Leben. Und sie lassen einem immer mehr zweifeln und manchmal sogar verzweifeln…

Es gibt aber auch die „Gnade des Nullpunkts“ (Bischof Franz Kamphaus).

Wenn man selbst gar nichts mehr zustande bekommt, dann bedarf es des Hinweises eines anderen, der, entgegen allen Gewohnheiten – Fischer arbeiten normalerweise erfolgreich in der Nacht und nicht am helllichten Tag – eine ganz andere Empfehlung gibt, nämlich die Netze auf der rechten Seite des Bootes auszuwerfen. Alles wandelt sich, der Fang ist überwältigend und die Jünger erkennen ihren geliebten und so vermissten Herrn.

Für mich ist diese ganze Geschichte der Jünger der klassische Ablauf eines Trauerprozesses:

Nach dem Karfreitag in Jerusalem mussten sie an die Ursprünge ihrer Berufung zurück, an den See von Tiberias. Sie machten, was sie konnten, fischen. Das gab ihnen Halt in der Haltlosigkeit, auch wenn sie mehr oder weniger erfolglos „dahinwerkelten“.
Die Arbeit, das alltägliche Tun, die automatisierten Handlungen halten einen über Wasser, am Leben und so nach und nach wachsen Wunden zu. Narben bleiben aber.

Was mir wie ein Wink von einem Kundigen vorkommt, der von jetzt auf gleich die gesamte Sichtweise der Trauer verändern kann, – ähnlich wie der Wink Jesu, das Netz auf der rechten Seite auszuwerfen – , ist für mich der Hinweis eines Psychotherapeuten mit einer ganz anderen Sicht auf die Trauer. Roland Kachler, der selbst seinen Sohn durch Tod verloren hatte, setzte sich als Vater und Therapeut ganz anders mit seiner Trauer auseinander als er es vorher gemacht und auch gelernt hatte. Er merkte, dass die psychoanalytisch geprägte Theorie der Trauer mit ihrem zentralen Pfeiler des „Loslassens“ ihn nicht mehr überzeugte und weiterführte.

In Folge schrieb er – auch für sich selbst – zahlreiche Bücher für Trauernde, die eine wirklich andere Sicht- und Vorgehensweise im Umgang mit Trauer darstellen:

Nicht Loslassen, sondern Wiederfinden, ist das Ziel!

Eines seiner sehr hilfreichen Bücher heißt genau so: Meine Trauer wird dich finden. Ein neuer Ansatz in der Trauerarbeit.

Und genau das geschieht auch in der Ostererzählung, die wir heute gehört haben.

Das Loslassen des geliebten Sinngebers ist nicht möglich. Scharen von Trauernden können das bestätigen. Das neue Finden, das Wiederfinden aber ist nicht nur möglich, sondern es ist die Frucht sinn- und zielgerichteten Trauerns.

Auf der Homepage des Trauertherapeuten Roland Kachler sind Formulierungen zu finden, die sehr österlich klingen und wirklich weiterhelfen, weiterhelfen zu neuem Leben mit Wunden und Narben des Verlustes, aber mit leuchtenden Augen und neuem Lebensmut des Gefundenhabens. Diese Sätze können wir als Trauernde und als Christusgläubige mit ähnlichen Herzensohren hören und daraus großen Nutzen ziehen:

  • Der Tod beendet das Leben meines geliebten Menschen, nicht aber meine Liebe zu ihm.
  • Nicht das „Loslassen“ ist das Zentrum der Trauer, sondern meine Liebe und der Wunsch, diese Liebe in einer veränderten Form weiterleben zu können.
  • Ziel der Trauerarbeit ist es, im Äußeren die Abwesenheit des geliebten Menschen zu realisieren und zu akzeptieren – und im Inneren eine neue Beziehung zu ihm zu finden.
  • Wir können einen sicheren Ort für unseren geliebten Menschen finden, an dem er gut aufgehoben ist und über den wir die innere Beziehung zu unserem geliebten Menschen weiter leben dürfen.
  • Wir können allmählich die Trauer gehen lassen, weil wir wissen, dass uns der geliebte Mensch in unserer Liebe zu ihm nie verloren geht.

Der sichere Ort, an dem der geliebte Rabbi Jesus für die Jünger gut aufgehoben ist, ist das dankbare Herz mit all den Erfahrungen, Erlebnissen, Belehrungen, Liebes- und Sinnerfahrungen.

Im Laufe des Durchschreitens der dunklen Landschaften der Trauer findet die Liebe den Geliebten wieder und er bleibt unsterblich in uns und bei uns. ER gibt Weisung, Trost, Kraft und langen Atem, die noch zu gehende eigene Wegstrecke gut und durch ECHTE NÄHE getröstet gehen zu können. Amen.

 

Mehr spirituelle Impulse von Pfarrer Christoph Kreitmeir gibt es auf seiner Homepage HIER