In seiner Auslegung zur heutigen Sonntagslesung (1 Kön 17, 10-16) und zum heutigen Sonntagsevangelium (Mk 12,41-44) spricht der Autor Pfarrer Christoph Kreitmeir, der gerade an seinem neuen Buch schreibt, über die Kunst des Betens. Dabei vergleicht er eine verlockende „Denk-positiv-Psychologie“ mit einer vertrauensvoll hingebenden Gebetshaltung.

Hier die Worte seiner Predigt:

„Sorge dich nicht, lebe!“, so heißt ein Bestseller des amerikanischen Autors Dale Carnegie. 78 Auflagen, 2,5 Mio verkaufte Exemplare allein in Deutschland. Wie so viele Menschen, habe auch ich dieses Buch einmal gelesen, empfand die eine oder andere Aussage auch hilfreich, aber dann geriet dieses Buch in den Hintergrund. Irgendwie hat der Kern der Botschaft mich zwar gelockt, sogar ein wenig innerlich befriedet, aber so richtig genährt hat mich das Buch nicht. Gute Laune auf Befehl funktioniert halt nicht, auch wenn man es sich manchmal schon wünschen würde.

Lockende, verlockende Worte, die letztlich nicht weiterhelfen.

„Sorge dich nicht, bete!“ – Diese etwas andere Aussage ist mir dann im Laufe meines Lebens auch einmal über den Weg gelaufen. Ich empfand sie eher als provokativ und abschreckend. So geht´s doch auch nicht … aber dieser Satz hat mich irgendwie auch nicht losgelassen.

Sich nicht sorgen – schön wär´s! Wie sagte Wilhelm Busch einmal so richtig in seiner Geschichte „Die fromme Helene“: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“ Wer Sorgen hat – und wer hat die nicht –  , der findet Auswege, sie zu betäuben.

Sich nicht sorgen, beten – ist das denn so einfach? Ist das überhaupt realistisch? In der Bibel finden sich verschiedene Stellen, die das unterstreichen:

„Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? Wenn ihr nicht einmal etwas so Geringes könnt, warum macht ihr euch dann Sorgen um all das übrige?“ (Lk 12, 25-26)

„Wirf deine Sorge auf den Herrn“ (Ps 55,23) und „Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch“ (1 Petr 5,7)

Wer betet, der ändert seinen Blickwinkel.

Der Blick geht von sich und seinen Sorgen weg zu dem, der für uns sorgt. Veränderung geschieht durch Vertrauen.

Die alttestamentliche Geschichte, die wir soeben gehört haben, mutet fast wie ein Märchen an: Es ist die Geschichte von der armen Witwe, auf die der Prophet Elija in der Stadt Sarepta trifft. Die Frau hat nichts mehr als ein bisschen Mehl und einen Rest Öl. Damit, so sagt sie dem Propheten, will sie noch einmal ein Brot backen für sich und ihren Sohn und dann wollen sie beide sterben. Und jetzt geschieht das Verwunderliche! Elija bittet sie, ja, er fordert sie fast auf, ihm nicht nur Wasser zu holen, sondern ihm auch noch von dem kümmerlichen Rest Mehl ein kleines Brot zu backen. Allerdings verbindet er es mit dem Versprechen, dass der große SORGER, der HERR helfen wird: Ihr Mehltopf und ihr Ölkrug werden nie mehr leer werden. Und schier unglaublich, was nun geschieht: Die Frau tut, um was Elija sie bittet. Sie gibt ihm ihr letztes Brot. Und in der Tat: Sie wird belohnt mit nie mehr leer werdenden Vorräten.

Das Gespräch zwischen Elija und der armen Witwe ist wie ein Gebet mit einer erstaunlichen Wirkung:

Da, wo der Mensch sich nicht (nur) auf die eigene Kraft verlässt, da kann Gott wirken.

Jeder von uns kennt diese Situationen, wo er an eine Grenze gekommen ist, wo er nicht mehr weiter weiß, nicht mehr weiter kann. Veränderung geschah dann durch und in dieser Grenzerfahrung. Hoffnung wuchs, Heilung geschah, neue Kraft wurde freigesetzt. Gott erweist sich als der „Ich bin da für Dich“, der Armut, Not und Tod überwinden kann und neues Leben schenkt.

Wir können nicht die Sorgen der Welt auf unseren Schultern tragen, sie erdrücken uns.

Die Welt liegt nicht auf unseren, sondern auf Gottes Schultern.

Die Kunst des Betens ist, sich auf Gottes Schultern zu stellen, denn ein Zwerg, der wir sind, sieht nicht weit. Wenn er aber auf den Schultern des Riesen steht, sieht er in die Ferne … von dort her die Lösung kommen.

Jesus Christus ist für Menschen, die an ihn glauben, wie ein Freund, der ihnen nicht nur immer wieder über die Schulter guckt, sie an seiner Schulter ausruhen und auch weinen lässt und ihnen manchmal auf die Schulter klopft. Er nimmt uns ab und zu auch auf seine Schultern, damit wir von ihm getragen werden und wieder weiter sehen können.

Jesus, so sagt es uns die Frohe Botschaft von heute, sieht unter all den vielen Menschen, die in den Tempel gehen, die arme Witwe. Während viele Begüterte mehr oder weniger großzügige Spenden geben, wirft die arme Witwe, die kaum das Nötigste zum Leben hat, ihre letzten Münzen in den Kasten, alles, was sie noch an Geld hat. Sie hat mehr gegeben als alle anderen, so lobt Jesus, denn sie hat alles gegeben, was sie besaß. Was aus ihr geworden ist, wissen wir nicht, es wird nicht erzählt. Sie ist aber von Jesus wahrgenommen worden. Sie ist in ihrem Gottvertrauen von Gottes Sohn wahrgenommen worden.

Gebet, Sorgen auf Gott werfen, Echtheit, Herzlichkeit, Würde, Aufrichtigkeit machen den Menschen innerlich reich, auch wenn er äußerlich vielleicht ein Armer bleibt.

Ist es nicht so, dass es eher die weniger Begüterten sind, die großzügiger im Geben sind? Sie kennen Gott eher und seine Hilfe und sie vertrauen darauf. Es gibt Menschen, die mit Gott rechnen … und die Gott nicht im Stich lässt!

Sorge Dich nicht, lebe! Lockende, verlockende Worte der „Denk-positiv-Psychologie“, die letztlich nicht weiterhelfen.

Sorge Dich nicht, bete! Provokative, eher abschreckende Worte erfahrener Spiritualität, die auf Dauer sehr wohl weiterhelfen.

SORGEN – Versuch es mit Beten – Versuch es mit Danken:

Wer zu Gott betet, weitet seinen Blick!

Wer Gott dankt, wird bewahrt: in guten Zeiten vor Gleichgültigkeit und Überheblichkeit und in schweren Tagen vor Resignation und Verzweiflung. Amen.