In seiner heutigen Predigt zum Fest der Heiligen Familie (Lesung: Sir 3, 2-6.12-14; Evangelium: Lk 2, 41-52) geht unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir darauf ein, was Familie als menschliche Keimzelle mehr oder weniger auf Zeit uns Menschen geben kann, damit wir wirklich Mensch werden können. Dabei sind seine Worte anlässlich der „Hl. Familie“ anders als es sonst so üblich ist.

Hier die Worte seiner Predigt

Natürlich bietet es sich an, zum Fest der Hl. Familie über die Familie als den Kern und der Keimzelle der Gesellschaft, als Hort der Geborgenheit, als wichtiger Ort der Prägungen, die uns ein Leben lang beeinflussen und vieles mehr zu predigen.
Natürlich ist es fast ein Muss, die Hl. Familie als das gelungene Urmodell für Christen den Gläubigen vor Augen zu stellen.
Natürlich ist es fast geboten, über den desolaten Zustand heutiger Familienverhältnisse sich auszulassen.

Ich werde das alles hier tunlichst sein lassen.

Familienleben ist eine dynamische Konstante, sie ändert sich permanent und bleibt doch irgendwie eine bleibende Größe im menschlichen Zusammenleben.

Nehmen wir das Beispiel eines Kinderspielplatzes in Ingolstadt, der noch besser in München, Berlin oder Hamburg sein könnte: „Im Sand spielen die beiden Töchter eines lesbischen Paares; dank befreundeter Samenspender und zwei In-vitro-Fertilisationen haben sich die beiden Frauen ihren Kinderwunsch erfüllt. Ihre Töchter wachsen nun als Geschwister auf, ohne biologisch miteinander verwandt zu sein. Die beste Freundin der Mädchen kommt dagegen aus einer „klassischen“ Mutter-Vater-Kind-Familie. Der Junge, der neben ihnen im Sand spielt, ist heute mit seinem Vater da; seit ihrer Trennung teilen sich seine Eltern die Erziehung. Ihr Kind lebt abwechselnd bei Papa und seiner neuen Freundin sowie bei Mama und ihrer neuen Familie. Unser Zusammenleben scheint heute so vielfältig wie nie – mit Regenbogen-, Stief-, Patchwork- oder Ein-Eltern-Modellen als akzeptierten Varianten von Familie.“ (Quelle: enorm-magazin.de)

Das Ganze wird noch durch Multi-Kulti, durch Mamas, Papas und Omas mit den Dreikäsehochs aus Syrien, Nigeria, Kasachstan, der Türkei oder Afghanistan ergänzt: Mohamed, Gloria, Igor, Kemal und Jamal bauen Sandburgen oder tratzen sich gegenseitig.

Es geht nicht darum, ein Heile-Welt-Bild von Familie zu konstruieren oder die typisch bayrische Familie nach dem Motto „Dahoam is Dahoam“ hochzustilisieren, sondern es geht mir darum, herauszubekommen, was Familie als menschliche Keimzelle mehr oder weniger auf Zeit uns Menschen geben kann, damit wir wirklich Mensch werden können.

Irgendwo fand ich dazu eine sehr gute Buchstabierhilfe von F A M I L I E von Sonja Neumann:

das „F“ könnte z.B. für Fürsorge stehen,
und das „A“ für Angenommensein,
das „M“ könnte Menschwerdung heißen,
und das „I“ steht für Immer,
das „L“ heißt Lebensversicherung,
die man füreinander eingeht und die unbezahlbar ist,
das „E“ schließlich steht für Erneuerung,
denn allzu leicht schlägt der Alltag seine Zelte
in den Wüsten der Gewohnheit auf.

Familie ist und bleibt wohl eine der besten Ideen Gottes durch all die Jahrhunderte, Jahrtausende und Jahrmillionen hindurch, seitdem es Menschen auf dieser Erde gibt.

Familie ist viel mehr als nur eine Versorgungseinrichtung oder ein Zweckverband. Sie kann zu einer Schule für´s Leben werden, indem das Auf-den-anderen-achten und das Teilen eingeübt werden. In der Familie erwirbt man seine Muttersprache und der Essensgeschmack „wie bei Muttern“ wird hier grundgelegt. In der Familie übt man sich im Mitteilen, im Streiten, im Nachgeben und im Siegen.

Der fränkische Dichter Friedrich Rückert brachte das Verwobensein und Miteinanderverbundensein von Menschen innerhalb einer Familie einmal in gute Worte:

„Warum ich Weib und Kinder nenne
so oft in meinen Liedern?
Weil ich sie im Gefühl nicht trenne
von meinen eignen Gliedern.
Und wie man spricht von seinem Leibe,
von seinem Aug´und Herzen,
so sprech´ ich auch von Kind und Weibe
in Freuden und in Schmerzen.“

(Friedrich Rückert (1788-1866), in: Entschuldigung des Persönlichen, hier gefunden: https://www.aphorismen.de/gedicht/121208 )

Familie muss keine heile Welt vorgaukeln, sie soll und kann aber Grundlegendes, Werte, Wertvolles, Heiles, ja Heiliges aufzeigen und weitergeben. Gottesglaube, Gottvertrauen, das Blicken über den Tellerrand des eigenen EGOs gehören dazu.

Jesus wuchs in einer Familie auf. Wir wissen davon nur ein paar Randdaten. Er gründete selbst später als erwachsener Mann – ganz anders als üblich – keine eigene Familie. Er machte etwas ganz anderes. Er erzählte den Menschen von der Gotteskindschaft und der Geschwisterlichkeit aller. Ohne seine Ursprungsfamilie, ohne das selbstverständliche und tagtägliche Erleben familiärer Realitäten, wäre er nicht zu dem geworden, der er gewesen ist. Ein unermessliches Urvertrauen in Gott war ihm gegeben, das uns staunen, gleichzeitig aber auch danach suchen lässt.

Unser Zusammensein hier im Gottesdienst kann jetzt auch Anlass für uns sein, unserer Sehnsucht nach gelungenem Zusammenleben, nach tragfähigen Beziehungen, unseren Erfahrungen von Gelingen und Versagen und vor allem unserer Gotteskindschaft und unserem Grundvertrauen nachzuspüren und vor Gott zu bringen. Amen.

 

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