Foto: Bild von Johannes Plenio auf Pixabay

In seiner Auslegung zum heutigen Sonntagsevangelium (Lk 12, 35-40) geht unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir auf die im Evangelium dargelegte Wachsamkeit ein, die von einer inneren Dienstbereitschaft herkommen muss. Dabei berichtet Pfarrer Kreitmeir wie diese Wachsamkeit sein Leben als Klinikseelsorger begleitet und wie wertvoll es ist, wachsam und achtsam durchs Leben zu gehen.

Hier die Worte seiner Predigt:

Im Fjord vor der alten dänischen Königsstadt Roskilde hatten Wikinger um 1150 ein ausgeklügeltes Wach- und Warnsystem eingerichtet, mit dem die Stadt im Falle eines Angriffs innerhalb einer Viertelstunde alarmiert werden konnte. Über ein System von Türmen wurden Feuerzeichen weitergegeben, zudem gab es Wachen, die einsatzbereit in Booten saßen. Die Männer konnten nur sitzend schlafen, wird berichtet, mit der Hand an den Riemen – ein strapaziöses, aber erfolgreiches Konzept. (Quelle: brennstoff.com)

Nicht nur die Wikinger entwickelten so ein ausgeklügeltes System der Wach-und Achtsamkeit, sondern auch die große chinesische Mauer gilt als eines der baulichen Weltwunder und war doch nur als ein Abwehrinstrument gegen Feinde von außen gedacht. Auch all die Stadtmauern und Burgen – am besten die mittelalterlichen – faszinieren Menschen weltweit. Ich muss gestehen, auch ich besuche alte Schlösser und Burgen sehr gerne, denn in deren Mauern spüre ich Schutz, Geborgenheit, aber auch Wehrhaftigkeit, Wachsamkeit und Stärke. Auch alte Klöster haben solche dicken Mauern …

Wach- und Achtsamkeit als Mittel der Abwehr von Feinden.

Wach- und Achtsamkeit sind aber auch Hilfen in der Rettung von Leben.

Denken Sie an die Rufsysteme von Feuerwehr, Sanitäter, Notärzte, THW und Polizei. Auch ich als Krankenhauspfarrer habe ein Bereitschaftstelefon, das im gesamten Umkreis der Klinik auf Empfang ist. Sobald mein Einsatz in der Notaufnahme, bei Sterbenden, totgeborenen Kindern oder vielen anderen Notfällen gewünscht und gebraucht wird, kann ich Tag und Nacht darüber erreicht und gerufen werden.

Und ich muss gestehen: Im ersten Jahr musste ich mich wirklich erst daran gewöhnen, vor allem nachts, aber eigentlich immer abrufbar sein zu müssen. Mitten im Tiefschlaf oder unter der Dusche – du musst erreichbar sein. Du lernst, während der Dienst-, aber auch der Ruhezeiten dein Leben darauf abzustimmen und – das ist die gute Nachricht – es ist möglich, dies zu lernen.

Das heutige Evangelium spricht von so einer Wachsamkeit, die von einer inneren Dienstbereitschaft herkommen muss, denn sonst überfällt einen im Laufe der Zeit die Schläfrigkeit, ja sogar die Wurschtigkeit.

Wie viele Menschen gibt es, die ihre Lebenszeit verwurschteln, vertun, die Zeit verplempern oder sogar totschlagen?

Die Kunst echten Lebens ist es aber, das wertvolle Gut der persönlichen Lebenszeit mit Sinnvollem zu füllen. Echtes spirituelles Leben, und das zeigen uns alle bekannten Religionen, aktiviert die Kunst der „Achtsamkeit“ und des „Wachsam seins“.

Der hl. Benedikt spricht in seiner Mönchsregel (RB 4,37) vom „nicht schlafsüchtig sein“. Das ist auch der Grund, warum in Mönchsklöstern der Turmuhrschlag und das Leben nach festen Zeiten eine so wichtige Rolle spielen. Der Glockenschlag vom Turm soll an die Wachsamkeit erinnern, den Blick des Mönches auf die verlorene und die gewonnene Zeit lenken und an die zu machende Arbeit erinnern. Es geht um eine stündliche, ja manchmal sogar halbstündliche Überwachung des Lebenswandels.

Leben soll nicht gefristet, sondern gestaltet werden und das nicht nur im äußeren Tun, sondern vor allem im Inneren, im Denken und Fühlen.

Jesus erinnert uns, ja er mahnt uns heute gleichsam, wachsam und achtsam durch unser Leben zu gehen. Denn, mit Jesus hat der Anbruch des Reiches Gottes mitten in dieser Welt begonnen. Leise hat es begonnen und gerade deshalb ist es wichtig, die Ohren und noch viel besser das Herz zu „spitzen“, damit dieses Reich Gottes durch unser Zutun und Mittun konkrete Gestalt gewinnt.

Wachsamkeit und Achtsamkeit sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Sie schützen vor äußeren Gefahren und innerem Leerlauf.

Der englische Schriftsteller Charles Reade (1814–1884) verfasste eine Weisheit, die im Laufe der Zeit dann dem jüdischen Talmud zugeschrieben wurde, um in ihrer Botschaft größeren Tiefgang zu erhalten (Quelle: juedische-allgemeine.de). Diese Weisheit ist aktueller denn je. Hören Sie selbst, ja fühlen Sie selbst und lassen Sie das Gefühlte in Ihrem Inneren arbeiten, damit Sie im Außen dann zum Guten wirken können:

„Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Deine Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Deine Gefühle.
Achte auf Deine Gefühle, denn sie werden Dein Verhalten.
Achte auf Deine Verhaltensweisen, denn sie werden Deine Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.
Achte auf Dein Schicksal, indem Du jetzt auf Deine Gedanken achtest.“

Amen.

 

Mehr Gedanken und Impulse von Pfarrer Christoph Kreitmeir gibt’s HIER