In der Auslegung des heutigen Sonntagsevangeliums (Mk 7, 31- 37 / Die Heilung eines Taubstummen) sowie der Sonntagslesung (Jak 2, 1-5 / Verhalten gegenüber Reichen und Armen) beschreibt Autor und Klinikseelsorger Pfarrer Christoph Kreitmeir die Bedeutung der biblischen Texte und erklärt an konkreten Situationen aus dem Klinikalltag, was diese Ereignisse rund um das Wirken Jesu vor 2000 Jahren tagesaktuell bedeuten.

 

Hier die Predigt von Pfarrer Kreitmeir zum 23. Sonntag im Jahreskreis

Ich muss gestehen: Auch ich bin nicht davor gefeit, auf Äußerlichkeiten hereinzufallen.

Auch mir, und da bin ich wohl nicht alleine, sagen mehr die Menschen zu, die äußerlich sauber und schön gekleidet sind, als die, die unordentlich und vielleicht auch streng riechend daherkommen.

Auch ich meine, dass ein gepflegtes Äußeres auf ein gepflegtes Inneres schließen lässt. Oft stimmt das ja auch, aber eben nicht immer! Und deshalb ist es gut, hier durch Worte, wie wir sie in Lesung gehört haben, auf Fallen hingewiesen zu werden, in die wir gerne und nicht selten hineintappen: „Wenn … ihr auf den Mann in prächtiger Kleidung blickt und ihn zu euch holt und den Armen in schmutziger Kleidung abweist …, macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und fällt Urteile aufgrund verwerflicher Überlegungen?“

Ja, machen wir, leider!!!

Jeden Tag im Klinikum werde ich aber eines Besseren belehrt. Nicht das Äußere ist ausschlaggebend, nicht, ob einer oder eine gut aussieht oder gut riecht.

Ob seelisch oder körperlich krank – alle Patienten hier sind bedürftigte Mitmenschen, die in ihrer Not gesehen werden wollen und denen all die Helfer und Helferinnen unabhängig von Rasse, Religion oder sozialem Status helfen sollen … und es auch tun.

Dabei ist es interessant, auf JESUS und sein heilendes Verhalten zu sehen, das er uns heute vor Augen hält.

Jesus nimmt einen Taubstummen auf die Seite. Ein Mensch, der – wir wissen es nicht – schon immer nicht hören und nicht reden konnte oder der erst im Laufe des Lebens verstummte und nichts mehr hören wollte. Auf jeden Fall ist er ein vom Leben hart behandelter Mensch.

Jesus nimmt ihn beiseite, weg von den Menschen. Er eröffnet ihm in der ganzheitlichen Begegnung und Behandlung (er legt ihm seine Finger in die Ohren, berührt seine Zunge mit Speichel, betet zu Gott und sagt zu dem Taubstummen: Effata – Öffne dich!) neu einen Weg zur Heilung. Er überlässt ihm nach seinen Hilfen letztlich die Entscheidung, sich gegenüber der Welt und den Menschen (wieder) zu öffnen. Denn Krankheit, jede Krankheit zieht auch immer soziale Isolation nach sich …

UND Jesus tat das fern von der Öffentlichkeit, fern von Medienwirksamkeit und gaffender Neugierde. Er wollte aus seinem therapeutischen Tun keine Show machen und keine Selbstdarstellung. Jesus ging es allein um Heilung dieses einen Menschen.

Hier im Klinikum geht es immer wieder darum, einzelnen Menschen zu helfen, sie beiseite zu nehmen, ihnen durch Operationen, Infusionen, Medikamenten, aber vor allem auch immer wieder und von den verschiedensten Seiten her durch Zuwendung und Gespräche ihr Leid zu lindern und sie aufzurichten.

Es geschehen hier in diesem Haus tagtäglich viele gute und heilende Begegnungen. Wie viel ein aufbauendes Gespräch, eine gute Behandlung oder eine Berührung bewirken können, erfahren wir immer wieder, wenn uns das Leid anderer nicht kalt lässt und wir immer wieder neu lernen, nicht primär auf das Äußere zu sehen.

Wenn uns die körperliche und seelische Not des anderen anrührt, dann können wir selbst mit unserer Schwäche und Bedürftigkeit anders umgehen lernen. Das Berühren von Wunden, seelischen wie auch körperlichen, kann Wunder bewirken: Im anderen und in mir.

Der Religionspädagoge Elmar Gruber fasst unsere menschliche Bedürftigkeit einmal in sehr schöne Worte, die ich gerne an sie zum Bedenken und Durchbeten weitergebe:

Gebet: Jemand brauchen von Elmar Gruber

Ich brauche jemand,

der kommt,

der mich hört und sieht,

der sich zu mir neigt,

der mich berührt.

Ich brauche jemand,

der mich zum Stehen bringt,

der mich bestätigt.

Ich brauche jemand,

der sich zu mir (hin)stellt,

der zu mir steht,

der bei mir stehen bleibt.

Ich brauche jemand, der steht,

damit ich stehen kann.

 

Mehr Impulse und Gedanken von Pfarrer Kreitmeir gibt’s unter christoph-kreitmeir.de

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