Heino Falcke: „Das Wort, das all das ermöglicht hat, ist wunderbar“
Im Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde der preisgekrönte Astrophysiker Heino Falcke gefragt, ob es Gott gebe. In einem spannenden Gespräch über Naturwissenschaft und Metaphysik beantwortete der Physik-Professor, dem 2019 mit seinem Team das erste Foto eines schwarzen Lochs im Universum gelang, diese Frage mit einem klaren „Ja, natürlich“.
Die Frage, ob es Gott gebe, sei „einfach zu beantworten“, fügte Heino Falcke an und erklärte weiter, dass für ihn die weitaus spannendere Frage sich darin stellt, wer oder was Gott ist bzw. was man unter Gott versteht. Mit Blick auf unterschiedliche Religionen und Weltanschauungen konstatiert Falcke, dass es es eine große Vielfalt an Vorstellungen und Erfahrungen gebe. Zu seiner Entscheidung sagte er:
„Mir persönlich ist der christliche Gott sehr viel näher als andere Gottesvorstellungen.“
Dabei sei ihm als Physiker bewusst, „dass jede Beschreibung der Wirklichkeit immer nur eine Annäherung ist und nicht die Wirklichkeit selbst“, so Falcke.
Anschließend legte der Astrophysiker zu den entsprechenden Fragen die Entstehung des Universums dar. Dabei beschrieb er, wie nach dem Urknall „aus dieser Energie des Anfangs, dieser Urbewegung“ die gesamte Materie entstand, „aus der wir heute bestehen“. Die Frage, die zum Nachdenken über Gott führt, formuliert Heino Falcke wie folgt:
„Warum funktioniert das, was ist?“
Mit Bezug auf die Urknalltheorie, deren Begründer im letzten Jahrhundert der katholische Priester Georges Lemaître war, oder die Multiversen-Theorie weist Falcke darauf hin, dass alle naturwissenschaftliche Theorie bestimmten Regeln und Gesetzmäßigkeiten folgt. Dazu fragt er:
„Wo kommen die her? Gelten sie in jedem Universum? Ist ein Naturgesetz auch da, wenn es kein Universum gibt?“
Dies seien große Fragen, bei dem ihm seine naturwissenschaftliche Kompetenz nicht weiterhilft. Vielmehr betont er an diesem Punkt:
„Da hilft mir tatsächlich meine religiöse Erziehung und ein theologisches Denken.“
Bei der Frage nach dem Woher zeigt sich Heino Falcke vom Erklärungsansatz der biblischen Schöpfungsgeschichte (Genesis) überzeugt, in der Gott als „präexistent“ beschrieben wird und in der vor der Existenz das Sprechen steht. Diese Sichtweise sei wiederum mit naturwissenschaftlicher Erkenntnis kompatibel, was Falcke wie folgt erklärt:
„Wir haben einen Urchaoszustand, und dann haben wir Naturgesetze. Und die Naturgesetze transformieren einen Chaoszustand in etwas.“
Darauf angesprochen, dass das Wunder des Lebens für einen Experten vermutlich umso größer sei, erklärte der Naturwissenschaftler, dass ihn „die Reise vom Urknall zur heutigen Welt, die Geschichte unseres Planeten“ beeindrucke und dass er das dabei Entstandene und naturwissenschaftlich Beschreibbare als „gleichermaßen genial und wunderbar, wunderschön und unbegreiflich“ empfinde. Dazu betont er:
„Das Wort, das all das ermöglicht hat, ist wunderbar.“
Das zweite Wunder sei, „dass wir es verstehen können, dass die Welt überhaupt verständlich ist“, fügte der preisgekrönte Astrophysiker an und schilderte im Weiteren, dass man dem Wunder des Lebens mit zwei Arten der Einstellung begegnen kann. So sei naturwissenschaftlich weder fassbar, ob „alles totaler Zufall“ sei oder „ein genialer Plan“ dahinterstecke. Dazu betont Heino Falcke:
„Wir können es naturwissenschaftlich nicht unterscheiden. Wir können trotzdem mit Ehrfurcht davorstehen und fragen: Wo kommen diese Regeln her? Warum sind sie so, wie sie sind? Und warum führen sie zu einem verständlichen Universum, einem lebensgefüllten Universum?“
Einem Verständnis von einem Lückenbüßergott – einem Verständnis, das Gott in den Raum verortet, den wir nicht verstehen können – tritt Heino Falcke klar entgegen, indem er an Beispielen aus der Quantentheorie, der Relativitätstheorie und der Chaostheorie erklärt, dass wir heute „aus der Physik heraus [wissen], dass es grundlegende Dinge gibt, die wir nicht wissen können“. Mit Blick darauf befindet Falcke:
„Glaube ist eigentlich die Art und Weise, wie wir mit dem nicht verfügbaren Geheimnis des Lebens umgehen.“
Daraus ergebe sich, zum einen „die Allmacht Gottes anzuerkennen und Demut zu lernen“ und zum anderen der Schöpfung mit Ehrfurcht zu begegnen und festzustellen: „Das ist wirklich wunderbar, und ich verstehe nicht alles, aber es ist fantastisch“. Genau diese Einstellung komme in der biblischen Schöpfungsgeschichte (Genesis) zum Ausdruck, so Falcke.
So wie der Philosoph Ludwig Wittgenstein einst befand, dass mit Beantwortung aller naturwissenschaftlicher Fragestellungen nicht eine einzige existenzielle Frage des Lebens betroffen ist, hält Heino Falcke fest:
„Wir können über Multiversen spekulieren, wie wir wollen. Das bleibt Metaphysik. Das ist nicht mein alltägliches Leben.“
An Gott zu glauben und in der Bibel mehr über ihn erfahren zu wollen sei „eine emotionale und persönliche Entscheidung“, die mit der Erfahrung wächst, dass dieser Gott im Leben trägt, schilderte Falcke weiter. In seinem Leben habe er „kleine und große Wunder, Momente, Offenbarungsmomente“ erlebt, die er nicht dem Zufall zuschreibt, sondern Gott zuordnet. Dazu ließ er wissen:
„Am Ende ist es ein Ja, das ich gehört habe von diesem Gott, und ein Ja, das ich gesprochen habe, wo ich gesagt habe: Ich glaube dir. Ich vertraue dir, dass du da bist. Das ist etwas, was man nur für sich selbst herausfinden kann.“
Seine Verbindung zu Gott „als tatsächlich jemanden, der da ist, mich liebhat, der mich will, der will, dass ich hier bin, der einen Plan hat für diese Welt, der mir auch Freiheit gibt“, beschreibt Heino Falcke als lebensverändernd. Dass Gott Persönlichkeit besitzt, ist ihm dabei auch zugänglich, wenn er als Naturwissenschaftler begreift, dass es das Universum geschafft hat, „mithilfe von rein physikalischen Naturgesetzen, Persönlichkeiten zu machen“ und wir vielleicht etwas widerspiegeln, was am Anfang schon da war, stellte Falcke in den Raum.
Zu seiner Beziehung zu Gott ließ Heino Falcke wissen, dass er diese im Gebet pflegt und dass er überzeugt ist, „dass Gott permanent handelt, dass wir permanent im Gespräch sind“. Wenn er dabei ein Muster erkennen könne, wie Gott in diese Welt eingreife, wäre das keine Glaube mehr, sondern Naturwissenschaft, schilderte der Astrophysiker mit Blick auf die Unbegreiflichkeit Gottes. An seinen Interviewpartner gewandt sagte der Universitätsprofessor:
„Ich werde Sie nicht argumentativ davon überzeugen können, dass Gott da ist und dass Gott jemand ist. Der Glaube ist ein Sprung, ist ein Sich-fallen-lassen. Glaube ist ein Akt des Vertrauens.“
Danach gefragt, wie er sich erklären könne, dass es verschiedene Weltreligionen gebe, erklärte Falcke, dass Religion aus menschlicher Erfahrung entstehe und in der Religion versucht werde, „dieses unverfügbare Geheimnis auf verschiedene Arten und Weisen zu beschreiben“. Die christliche Perspektive sei die, die für ihn einfach passt, schilderte Heino Falcke. Dabei betonte er, dass er die Bibel ernst nehme und verstehe, dass die Bibel „eine ganze Bücherei“ ist, in der es „mythische Geschichten“, die in einem bestimmten Kontext hineinwirken, und historische Geschichten gebe. So schilderten die Evangelien im Neuen Testament sehr klar, was die Jünger erlebten. Dazu bekannte Heino Falcke:
„Das sind Augenzeugenberichte, von denen ich schon glaube, dass sie so passiert sind. Wenn die Jünger sagen: ‚Der Herr ist auferstanden‘, dann glaube ich ihnen das.“
Danach gefragt, wie sein Glauben sein Tun als Forscher beeinflusst, erklärte der Astrophysiker, dass ihm sein Glauben „eine gewisse Unbedarftheit“ und „einen gewissen Mut“ gegeben habe. Weiter sagte er:
„Ich habe Glaube immer als Freiheit empfunden, als etwas, das mir Kraft gibt, das mich auffordert, weiterzudenken.“
Quelle: zeit.de
Hinweis: Das 70-minütige Gespräch im Rahmen des Podcasts „Nur eine Frage“ zwischen ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner und Prof. Dr. Heino Falcke im Video gibt es HIER.
Wir trafen Heino Falcke am 3.10.25 im Planetarium in Stuttgart zum PromisGlauben-Interview.
Anbei das Video:



