Pfarrer Georg Walch: „Die Liebe kann das Geheimnis der Auferstehung verstehen“
Am heutigen 2. Sonntag der Osterzeit veröffentlichen wir eine besondere Predigt zum Osterfest 2026 vom 90-jährigen Pfarrer Georg Walch (Seelsorgemithelfer am Münchner Dom). Dies überschreibt Pfarrer Walch mit dem Titel „Ehrenrettung einer an den Rand Gedrängten“.
Anbei die Osterpredigt von Pfarrer Georg Walch:
Über 50 Jahre lang habe ich über Ostern nachgedacht, die Texte des Neuen Testaments studiert, Kunstwerke meditiert, Artikel gelesen und geschrieben und vor allem gepredigt. Über 50 Jahre habe ich Ostern gefeiert in Pfarrkirchen, in Altersheimen und auf Krankenstationen, mit jungen Leuten in der Studentengemeinde, im Salzburger Dom mit der herrlichen Musik Mozarts und dem unvergesslichen Paukenwirbel beim „Terra tremuit“ („Die Erde bebte“), mit dem der langjährige Domkapellmeister Josef Messner das Ostergeheimnis musikalisch ausdeutete.
Heuer empfinde ich es als Geschenk des Himmels, dass ausgerechnet Hollywood mich mit einem frischen, überzeugenden Bibelfilm „Maria Magdalena“ beschenkt hat.
Ich habe diesen Film eher zufällig in YouTube entdeckt. Es ist ein außergewöhnlicher Film, jenseits aller Klischees. Nein, es gibt in diesem Film keine Sexszenen, nicht einmal einen leidenschaftlichen Hollywoodfilmkuss. Der australische Regisseur Garth DAVIS macht aus dem Erlösungsgeschehen von gestern ein Erlösungsversprechen für heute. Sein Film handelt auf moderne Weise von der alten Sehnsucht nach Vollkommenheit, die der Gottessohn inmitten einer unvollkommenen, elenden und grausamen Welt entfacht.
Dieser Jesus verkörpert die unwahrscheinliche Hoffnung, dass es eine bessere Welt gibt: Er nennt sie „das wahre Königreich Gottes“, aber nie im Ton des Triumphes, sondern manchmal fast warnend, und er wirkt besorgt, wenn seine Jünger dieses Reich allzu siegesgewiss verkünden.
Sie ahnen ja nicht, wie hoch der Preis sein wird. Die Suchende in der Nachfolge Jesu, Maria Magdalena, gerät denn auch in Konflikt mit den Männern, vor allem mit Petrus, in der Frage: was Jesus nun wollte und was davon in der Kirchengeschichte verschütt gegangen ist. Maria wird sich mit Petrus jedenfalls nicht einig, schon zu Lebzeiten des Heilands, was das verheißene Reich Gottes sei. Der Apostel glaubt, es müsse notfalls gewaltsam erkämpft werden. Sie glaubt, es ereigne sich im Innersten eines jeden Menschen. Sie sagt: „Die Welt wird sich nur ändern, wenn wir uns ändern.“
Wie würde die Kirche aussehen, wenn sie mehr von Maria Magdalena hätte gelten lassen?
Augustinus, der originelle Kirchenlehrer, bezeichnet Maria von Magdala als die Apostolin der Apostel. Sie, die von der Tradition mit der Sünderin im Lukasevangelium (7. Kapitel) gleichgesetzt wird, darf als erste dem Auferstandenen begegnen. Der Text des Johannesevangeliums erzählt in einer wunderbaren Geschichte wie Maria Magdalena am Grab ihres Herrn weint, nicht ein befreiendes Weinen, sondern wie man mitunter Menschen weinen sieht, unter denen sich der Abgrund geöffnet hat, ein bodenloses, haltloses, zerstörtes Weinen, das nur noch ausfließt, ohne irgend etwas zu erwarten. Bei der Anrede mit dem Namen – „Maria!“ – wird sie mit einem Mal fähig, den Blick aus der Vergangenheit zu lösen. Vom Grab weg wendet sie sich, fort von der Haft an der bitteren Erinnerung. Aus der Traurigkeit und Angst, die sie erfüllt, richtet sie den Blick nach vorn in das Leben, in die Zukunft. Nun sieht sie den Herrn lebendig und ihr zurückgegeben. Die dunklen Mächte, die in dieser Nacht am Grab wieder aufzustehen drohten, werden ewig schweigen, denn er, der Herr, ist ihr auferstanden, für immer. Und so wird sie die erste Verkünderin der Auferstehung.
Das ist Ostern: wir sind gemeinsam Brüder und Schwestern Christi und als Söhne und Töchter Gottes angenommen.
Das ist eine mutige Theologie, die Johannes im Einklang mit den Synoptikern verkündet. Die Frauen spüren offensichtlich eher als die Männer, dass die Liebe den Tod überwindet, dass Jesus, der Sohn Gottes, nicht im Grab festgehalten werden kann, dass er die Dunkelheit des Grabes hinter sich lässt und zu seinem Gott aufersteht.
Nicht der Verstand, sondern die Liebe kann das Geheimnis der Auferstehung verstehen.
Diese Liebe muss wie bei Maria von Magdala durch den Schmerz der Trauer hindurch. Dann hält sie nicht mehr fest, sondern lässt frei. Sie weiß, dass der, den ihre Seele liebt, aufsteigen muss zum Vater. Sie hat ein Gespür für das Geheimnis des andern Jesus, der letztlich in Gott gründet und nur in der Herrlichkeit des Vaters zu seinem wahren Selbst findet.
Ostern feiern heißt, der Liebe zu trauen, die den Tod überwindet, nicht nur den Tod am Ende unseres Lebens, sondern auch die vielen Tode, die unser Leben hier und heute bedrohen, den Tod der Kälte und der Angst, der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit. Auferstehung heißt, mitten im Grab meiner Dunkelheit und Resignation, meiner Zweifel und Leere, den zu finden, den meine Seele liebt.
Dass in der Kirchengeschichte nun eine Apostelin auftaucht, ist keine Provokation, sondern eine längst fällige Ergänzung. Durch Maria Magdalena wird klar, was Liebe ist: keine private Sehnsucht, sondern etwas Irdisches und Ewiges, das Furcht erregt, weil es die Welt vollkommen verändern kann, wenn man daran glaubt.
So schwierig es ist, heute von Gott zu reden, so sehr mein Vorstellungsvermögen versagt, ich möchte auf den Rückhalt des Glaubens nicht verzichten. Ich fürchte, mein Leben bliebe sonst an der Oberfläche, bliebe banal und im Letzten der Sinnlosigkeit und auf jeden Fall der Vernichtung preisgegeben.
Ich empfinde den Glauben als eine große Kostbarkeit.
Er vermittelt mir die Gewissheit: Mein Leben ist nicht nur eine bedeutungslose flüchtige Episode, verloren in einer Geschichte von Millionen von Jahren, verloren in einem Kosmos, dessen Dimensionen für unsere Generation ins Unvorstellbare gewachsen sind. Ich kann das Stammeln der Dichter und Theologen durch Jahrhunderte hindurch gut nachempfinden: Die Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht … Und doch, damals wie heute gibt es Menschen, die ihr ganzes Leben auf diesen Gott bauen. Und ich versuche es mit ihnen.
Das heißt nicht, dass der Glaube mich in eine ständige Euphorie versetzen würde. Mein Leben kommt mir oft genug sehr mühselig vor, alltäglich, eintönig, manchmal geradezu banal. Und doch: Hier und da geschieht es, dass plötzlich ein Glanz darauf fällt: Ostern z. B., wo ich voller Freude in die Osterlieder einstimme und mir für einen Augenblick jähen Erstaunens gewiss wird: mein Leben hat Sinn. Und der ist unverlierbar.
Die Sehnsucht nach Bleibendem in dieser so schrecklich fließenden Zeit ist mehr als eine Narretei.
Sie hat ihren Grund, ihre Berechtigung in dem Gott, dessen Treue unseren Tod überdauert, dessen Treue unserer flüchtigen Lebenszeit Ewigkeit zuspricht.
Maria Magdalena steht am Grab und weint. Sie ist ganz eingeschlossen in die Welt ihrer Trauer. Es scheint alles völlig aussichtslos. Und auf einmal, unerwartet, bricht der Horizont ihres in sich verschlossenen Lebens auf und ihr Glaube entzündet sich an der Zartheit der Anrede, am schwebenden Wort und am Namen, mit dem sie genannt wird.
Das ist im Evangelium wunderbar erzählt. Aber auch diese Geschichte weiß darum: Jesus kommt aus der ganz anderen Welt Gottes. Er ist da, wie zum Greifen nah, er spricht sie an, wie in früherer Vertrautheit: Maria. Und gleichzeitig ist da die Distanz der ganz anderen göttlichen Wirklichkeit. Eine Distanz, die für einen kurzen kostbaren Augenblick durchbrochen wird, aber dann: Halte mich nicht fest. Amen.
Hinweis: Über Pfarrer Georg Walch entstand der Kontakt Prof. Dr. Claus Hipp und im Zuge dessen unser Interview mit dem Manager, Musiker und Maler.
Anbei ein Gemeinschaftsbild nach dem seinerzeitigen Video-Dreh:
Pfarrer Georg Walch ist der Erste von links.




