In der Predigt zum heutigen Sonntagsevangelium (Joh 6, 41-51) ging der Jesuitenpater und Hochschulprofessor Prof. Dr. Bernhard Grom SJ in der heutigen Sonntagsmesse in St. Thomas München-Oberföhring der Frage nach, wer Jesus Christus nun eigentlich gewesen sei.

Dazu führte Pater Grom folgende Gedanken aus:

Im heutigen Evangelium nehmen viele Hörer Jesu Anstoß an seiner Selbsteinschätzung:

„Ich bin das Brot, das vom Himmel (d.h. von Gott) herabgekommen ist.“

Sie sagen sich: „Das ist doch ein Mensch wie wir, dessen Herkunft wir kennen.“ Sie lehnen es ab, ihn als Gottmenschen anzuerkennen.

Das ist eine Einstellung, die heute weit verbreitet ist, auch bei ernsthaften, nachdenklichen Mitbürgern. Bei einer Umfrage erklärten einmal 43 Prozent der Westdeutschen, für sie sei Jesus nur ein großer Mensch und ein Vorbild. Beispielsweise hat auch der verstorbene Bundeskanzler Helmut Schmidt mehrmals geäußert, er glaube zwar, dass Gott der Herr der Welt sei, und er brauche das Vaterunser, die Zehn Gebote und die Kirchenmusik – aber an die Wunder und das leere Grab des „Rabbi Jesus“ glaube er nicht.

Er (Helmut Schmidt) nenne sich einen Christen, weil er die Moral, die das Christentum entfaltet hat, für notwendig halte.

Darauf reagieren wir vielleicht enttäuscht und sagen: Dann kann man ja den größten Teil unseres Glaubensbekenntnisses streichen und das Fest der Menschwerdung Gottes (Weihnachten) und der Auferstehung Jesu (Ostern) dazu.

Die meisten von uns haben als Erstkommunionkinder gehört, Jesu sei zwar wahrer Mensch, aber auch Gottes Sohn.

Wir haben dieser Aussage zugestimmt, und sie hat – hoffentlich – unser Sprechen mit Gott mit Wärme und Liebe erfüllt. Denn

dadurch bekam der unsichtbare, unfassliche Schöpfer für uns ein menschliches Gesicht, das Gesicht Jesu.

Doch wenn wir älter und kritischer werden, sagen wir uns vielleicht: Alle großen Gestalten der Weltgeschichte, die wir sonst kennen – Buddha, Sokrates oder Gandhi -, waren nur Menschen.

Warum soll Jesus mehr gewesen sein?

Nehmen wir uns jetzt für einen Moment die Zeit, uns dieser Frage zu stellen. Suchen wir eine Antwort, die uns überzeugt, damit wir Gott stets mit Herz und Verstand im Gesicht Jesu erkennen und uns über ihn freuen können.

Was ist bei Jesus anders als bei anderen großen Gestalten? Wie kann er den Anspruch erheben, „Brot“ für uns zu sein, das vom Himmel herabgekommen ist, das heißt, uns mit seiner Zuwendung und Freundschaft zu ernähren, wie es nur Gottes Liebe kann?

Zunächst erschien Jesus als Mensch wie andere – einer, der als Wanderprediger in Synagogen auftrat. Wenn er heute in Nazaret leben würde, stünde in seinem Pass vielleicht: Name: Jeschua. Körpergröße: 1 Meter 76. Farbe der Augen: braun. Beruf: Bauschreiner. Ein Mensch wie andere und im gleichen Umfeld wie sie. Manchem wird das so recht bewusst, wenn er bei einer Reise ins Heilige Land durch Orte und Gassen wandert, wo auch Jesus ging.

Und doch hat dieser Jeschua Dinge gesagt und getan, die viele Hörerinnen und Hörer davon überzeugten, dass er nicht nur ein Gesetzeslehrer, ein Rabbi, war, und auch nicht nur ein Rufer und Künder, ein Prophet, sondern dass in ihm Gott selbst sprach und handelte.

Sie wurden Jüngerinnen und Jünger Jesu. Und sie waren keine Schwärmer, sondern Menschen, die nüchtern geprüft, gezögert und gezweifelt haben wie etwa der so genannte ungläubige Thomas. Gerade dies macht ihr Zeugnis glaubwürdig. Für ihren strengen jüdischen Glauben an einen erhabenen, einzigen Gott war es überaus schwer, sich das vorzustellen, was wir heute als den Gottmenschen Jesus bezeichnen. Doch kamen sie genau zu dieser Überzeugung. Dafür müssen sie wichtige Gründe gehabt haben.

Waren es Jesu Wunder, die dafür sprachen?

Die Evangelien berichten so oft von ihnen, dass wir vielleicht meinen, sie seien der wichtigste Hinweis auf das Göttliche in Jesus. Diese Wunderberichte sind für das Neue Testament gewiss eine Bestätigung des Christusglaubens – aber man sollte ihre Bedeutung nicht überschätzen. Denn damals haben die Menschen noch nicht so scharf wie die modernen Naturwissenschaften zwischen natürlichen und wunderbaren Ereignissen unterschieden. Für sie war auch ein Regen, der eine lange Dürre beendet, ein Wunder.

Lassen wir also einmal die Wunder Jesu beiseite. Es gibt wichtigere Argumente; betrachten wir zwei von ihnen.

Erstens sind die Berichte von Jesu Erscheinungen nach seinem Tod höchst glaubwürdig und aussagekräftig, auch wenn ich dies hier nicht ausführlich darlegen kann. Erst die Begegnungen mit dem Auferstandenen haben die Jünger, die verzweifelt und längst in ihre Heimat Galiläa zurückgekehrt waren, dazu veranlasst, sich wieder in Jerusalem zu versammeln und neu über Jesus nachzudenken. Erst da wurde ihnen vollends klar: Er ist Gott selbst, Gottes „Sohn“ und „Wort“. Er will allen Menschen nahe sein – das müssen wir der Welt verkünden. Für diese Botschaft sind sie als Blutzeugen in den Tod gegangen.

Zweitens hat Jesus durch seine Worte und sein Verständnis für die Ausgestoßenen und Kranken eine Menschlichkeit gezeigt, die ihn absolut glaubwürdig macht, wenn er sagt, dass er mehr ist als der Prophet Jona, mehr als das Urbild eines Weisen, Salomon und dass er – was nur Gott kann – Sünden vergeben darf. Ihm kann man das abnehmen. Denn

bei ihm (Jesus) darf man zwei Ursachen von Irrtum ausschließen: Dass er sich selbst überschätzt – dazu ist er zu demütig, und dass er die Menschen täuschen will – dazu ist er zu gütig und ehrlich.

Aber seine Menschlichkeit zeigt noch etwas anderes. Sein Eintreten für die Unterdrückten und sein Aufruf zu einer Nächstenliebe, die selbst die Feindesliebe einschließt, sind so ursprünglich, rein und sozusagen stilsicher, dass man ruhig annehmen kann, dass sie aus einer höheren Quelle stammen als aus unserem gewöhnlichen Mitgefühl. Jesus gleicht vollkommen dem, den wir in unserem Gewissen ahnen als einen, der uns sagt: „Tu das Gute! Tu es unbedingt!“

Jesus zeigt eine Menschlichkeit, die etwas Übermenschliches an sich hat und in der sich die Gerechtigkeit und Güte in Person – eben Gott – offenbart.

Eine evangelische Frau hat dies einmal so ausgedrückt: „Als Kind liebte ich zwar die Bilder, die Jesus mit ausgebreiteten Händen und herabwallendem Haar zeigten. Doch später konnte ich diesen Jesus nicht in mein Leben und Denken einbauen. Heute aber bedeutet mir Jesus Christus wieder sehr viel:

Er (Jesus) ist das Absolute (Unbedingte), das für mich zentrale Lebensbedeutung hat. Er das absolute Sich-Einsetzen und das absolute Ablehnen jedes pharisäischen Denkens und das absolute Anerkennen der Liebe! Ich gehe deshalb zum Abendmahl, um diese Wirklichkeit ‚Christus’ in mir selbst zu spüren.“

Wenn wir so in der Menschlichkeit Jesu das Göttliche entdecken, kann er uns immer wieder ergreifen und das Beste in uns stärken. So oft wir in unserem Denken und Beten auf Jesus blicken oder mit ihm Eucharistie feiern, kann er Kraft und geistige Nahrung für uns werden – eben „Brot, das vom Himmel (von Gott selbst) herabgekommen ist“, „Brot des Lebens“ – mehr als nur Moral: göttliche Liebe.

 

Prof. Dr. Bernhard Grom SJ, geb. 1936, ist Jesuit und lehrte Religionspsychologie und -pädagogik an der Hochschule für Philosophie in München. Er ist der bekannteste Fachmann für Religionspsychologie im deutschsprachigen Raum. In seinen zahlreichen Büchern, Artikeln und Vorträgen beschäftigt er sich auch mit den Themen Meditation, Glück und Sinn sowie mit Fragen religiöser Erziehung. Zudem ist er Seelsorgemithelfer im Pfarrverband St. Thomas – St. Lorenz in München Oberföhring.