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Pater Peter Uzor: „Das Erbarmen Gottes ist bei Jesus Maß aller Dinge“

Seine Predigt zum 11. Sonntag im Jahreskreis (Ex 19,2-6;  Mt 9,36-10,8) stellt unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor unter die Überschrift „Das Erbarmen Gottes ist bei Jesus Maß aller Dinge“. Dabei beschreibt er Grundzüge von Gottes Wesen.

 

Anbei die Worte der Predigt von Pater Peter: 

 

Erlauben Sie mir, mit einer kleinen Beobachtung aus dem Alltag zu beginnen.

Kennen Sie das? Man fährt mit dem Zug, sitzt in einem Café oder geht durch die Fußgängerzone – und plötzlich bleibt der Blick an einem Gesicht hängen. Ein älterer Mann sitzt allein auf einer Parkbank und schaut ins Leere. Eine junge Mutter kämpft erschöpft mit dem Kinderwagen und niemand hält ihr die Tür auf. Ein Jugendlicher steht abseits, als gehöre er nirgends dazu.

Für einen Augenblick fragt man sich: Was mag dieser Mensch gerade tragen? Welche Sorgen bewegen ihn? Welche Geschichte steckt hinter diesem Gesicht?

Doch meistens gehen wir weiter. Das Leben ruft. Der Zug fährt ein. Der nächste Termin wartet.

Und doch gibt es diese Momente, in denen ein einziger Blick genügt, um zu spüren: Da trägt jemand eine schwere Last. Da ist jemand müde geworden. Vielleicht nicht nur körperlich, sondern auch innerlich. Erschöpft vom Leben. Belastet durch Krankheit, Sorgen, Einsamkeit oder die Angst vor der Zukunft.

Viele Menschen tragen heute solche Lasten. Vielleicht kennen auch wir dieses Gefühl. Man steht morgens auf, erfüllt seine Aufgaben, und dennoch spürt man: Die Kraft wird weniger. Die Sorgen werden nicht kleiner. Die Fragen bleiben. Wie soll es weitergehen? Wer versteht mich? Wer trägt mich?

Genau an dieser Stelle setzt das heutige Evangelium an.

Matthäus erzählt uns: „Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.“

Jesus sieht die Menschen. Er schaut nicht nur auf das Äußere. Er schaut ins Herz.

Er sieht ihre Not, ihre Sehnsucht und ihre Verletzungen. Und das Entscheidende ist: Er bleibt dabei nicht auf Distanz. Das Evangelium sagt nicht, dass Jesus die Situation analysierte. Es sagt nicht, dass er die Menschen bewertete. Es sagt: Er hatte Mitleid mit ihnen. Das griechische Wort, das hier verwendet wird, beschreibt ein tiefes inneres Ergriffensein. Es bezeichnet ein Erbarmen, das aus dem Innersten des Menschen kommt.

Jesu Herz wird von der Not der Menschen bewegt.

Hier erkennen wir etwas vom Wesen Gottes selbst.

Gott ist kein ferner Beobachter unseres Lebens.

Er steht nicht am Rand und schaut zu, wie wir uns abmühen. Er geht unseren Weg mit. Er leidet mit den Leidenden. Er trauert mit den Trauernden. Er freut sich mit den Frohen.

In Jesus bekommt dieses göttliche Erbarmen ein menschliches Gesicht.

Wenn wir wissen wollen, wie Gott ist, müssen wir auf Jesus schauen. Und was sehen wir?

Wir sehen keinen Richter, der zuerst nach Fehlern sucht. Wir sehen keinen Buchhalter menschlicher Schwächen. Wir sehen einen Hirten, dessen Herz von Liebe erfüllt ist.

Das Erbarmen Gottes ist bei Jesus kein Nebengedanke. Es ist die Mitte seiner Botschaft. Es ist das Herz seines Evangeliums.

Darum heilt er Kranke. Darum vergibt er Sündern. Darum richtet er Gebeugte auf. Darum geht er auf Ausgegrenzte zu. Darum gibt er schließlich sogar sein Leben am Kreuz.

Das Erbarmen Gottes ist bei Jesus Maß aller Dinge.

Und genau deshalb bleibt Jesus nicht allein.

Im Evangelium hören wir, wie er die Zwölf beruft und aussendet. Das ist bemerkenswert. Jesus sieht die große Not der Menschen. Aber er sagt nicht: „Ich werde alles allein tun.“ Stattdessen ruft er Menschen in seine Nachfolge. Er macht sie zu Mitarbeitern seines Werkes.

„Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter.“ Diese Worte gelten bis heute. Denn die Müdigkeit und Erschöpfung der Menschen sind nicht verschwunden. Vielleicht haben sie heute sogar neue Gesichter angenommen.

Da sind Menschen, die unter Einsamkeit leiden. Menschen, die krank sind. Menschen, die sich nach einem guten Wort sehnen. Menschen, die den Glauben verloren haben. Menschen, die keinen Sinn mehr sehen. Menschen, die sich fragen, ob sie überhaupt noch gebraucht werden. Auch heute blickt Christus auf diese Menschen mit demselben Erbarmen wie damals. Aber auch heute möchte er nicht allein handeln. Er sendet seine Kirche. Er sendet uns.

Vielleicht denken wir sofort: Dafür bin ich nicht geeignet. Ich bin kein Apostel. Ich kann nicht predigen. Ich kann keine Wunder vollbringen. Doch das Evangelium verlangt nicht zuerst Außergewöhnliches. Die Sendung beginnt viel einfacher. Sie beginnt dort, wo ein Mensch dem anderen mit den Augen Christi begegnet.

Wo jemand zuhört. Wo jemand einen Kranken besucht. Wo jemand tröstet. Wo jemand vergibt. Wo jemand nicht vorschnell urteilt, sondern verstehen möchte. Wo jemand Hoffnung schenkt.

Gerade viele aktive Gemeindemitglieder und ältere Menschen in unseren Gemeinden erfüllen diese Sendung oft auf stille und unscheinbare Weise: durch ihr Gebet, ihre Geduld und ihre Treue, durch ihre Mitarbeit in der Gemeinde, durch ein gutes Wort am Telefon, durch einen Besuch bei Kranken oder durch ihre Bereitschaft, die Sorgen anderer mitzutragen. Das alles sind keine kleinen Dinge. Das sind Zeichen des Reiches Gottes.

Denn Jesus sendet seine Jünger nicht zuerst aus, um Macht auszuüben. Er sendet sie aus, damit Gottes Erbarmen die Menschen erreicht.

Und er stattet sie aus – nicht mit Geld, Einfluss oder besonderen Privilegien, sondern mit Vollmacht: Kranke zu heilen, Tote aufzuerwecken, Aussätzige rein zu machen und Dämonen auszutreiben.

In der Sprache Jesu bedeutet das: Holt die Menschen vom Rand zurück in die Mitte. Lasst Ausgeschlossene wieder dazugehören. Gebt den Übersehenen einen Platz. Richtet die auf, die niedergebeugt sind.

Hier liegt auch eine wichtige Frage für unsere Kirche heute. Wir sprechen oft über Strukturen, Reformen, Zahlen, Priestermangel und viele andere Probleme. Vieles davon hat seinen Platz. Aber die entscheidende Frage lautet: Spüren die Menschen durch uns etwas von der Liebe Gottes?

Erfahren sie in unseren Gemeinden Annahme? Können sie bei uns Heilung erfahren? Werden sie ermutigt statt entmutigt? Werden sie aufgerichtet statt verurteilt? Denn nur dann erfüllen wir den Auftrag Jesu.

Die Menschen unserer Zeit suchen nicht zuerst perfekte Organisationen. Sie suchen glaubwürdige Zeugen. Sie suchen Menschen, die etwas von der Güte Gottes ausstrahlen. Sie suchen Christen, die das Evangelium nicht nur verkünden, sondern leben.

Darum beginnt jede Erneuerung der Kirche nicht mit Programmen, sondern mit dem Herzen. Mit einem Herzen, das sich von Christus berühren lässt. Mit einem Herzen, das lernt, die Menschen mit seinen Augen zu sehen. Mit einem Herzen, das sich nicht verschließt, sondern erbarmt.

Liebe Schwestern und Brüder,

die erste Lesung aus dem Buch Exodus erinnert uns daran, dass Gott sein Volk erwählt hat, damit es sein Eigentum und sein heiliges Volk sei. Diese Erwählung war nie ein Privileg für wenige. Sie war immer ein Auftrag.

Auch wir sind nicht für uns selbst berufen worden. Wir sind berufen, damit durch uns etwas von Gottes Liebe sichtbar wird.

Wir sind gesendet, damit die Müden neue Hoffnung finden. Wir sind gesendet, damit die Einsamen Gemeinschaft erfahren. Wir sind gesendet, damit die Verwundeten Trost finden. Wir sind gesendet, damit die Menschen erkennen: Gott hat sie nicht vergessen.

Am Ende des heutigen Evangeliums sagt Jesus einen Satz, der alles zusammenfasst: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“

Wir alle leben von den Geschenken Gottes: von seiner Geduld, von seiner Vergebung, von seiner Treue, von seinem Erbarmen. Nichts davon haben wir verdient. Alles wurde uns geschenkt. Und genau das sollen wir weitergeben.

Bitten wir den Herrn in dieser Eucharistiefeier, dass er unser Herz seinem Herzen immer ähnlicher macht. Damit wir die Menschen sehen, wie er sie sieht. Damit wir lieben, wie er liebt. Damit wir Zeugnis geben von seinem Erbarmen. Denn dort, wo das Erbarmen Gottes sichtbar wird, beginnt schon heute das Reich Gottes mitten unter uns. Amen.

Anbei das Lied „Wenn das Brot, das wir teilen“ gesungen von „Die Priester“, das die Worte von Pater Peter nachklingen lässt: 

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