Foto: PromisGlauben e.V.

Pater Peter Uzor: „Gott hört nicht auf, Menschen zu suchen“

Seine Predigt zum 25. Sonntag im Jahreskreis (Lesungen: Jes 55,6-9 und Phil 1,20-24.27; Evangelium: Mt 20,1-16) stellt unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor unter die Überschrift „Die Freiheit der Gnade Gottes: Gottes Segen ist nicht käuflich“. Darin beschreibt er u.a., dass Gottes Liebe kein Kuchen ist.

 

Anbei die Worte der Predigt von Pater Peter:

 

Es gibt einen Satz, den wir im Alltag ziemlich oft hören – und auch selbst sagen: „Das ist aber nicht gerecht!“ Wenn einer mehr arbeitet als der andere und beide dasselbe bekommen, empfinden wir das als ungerecht. Wenn jemand jahrelang treu war und ein anderer plötzlich dieselbe Anerkennung bekommt, fragen wir: „Und was ist mit mir?“

Wir Menschen haben ein starkes Gespür für Gerechtigkeit. Das ist gut. Aber manchmal beginnen wir, alles zu berechnen – sogar unsere Beziehung zu Gott.

„Ich bete, ich gehe zur Kirche, ich helfe anderen, ich habe mich bemüht – also müsste Gott mir doch etwas dafür geben.“ Genau in diese menschliche Denkweise hinein spricht Jesus heute sein Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.

Der Weinbergbesitzer geht immer wieder hinaus: früh am Morgen, dann zur dritten, sechsten, neunten und sogar noch zur elften Stunde. Den ganzen Tag über sucht er Menschen für seinen Weinberg. Das Erste, was uns dieses Evangelium sagt, ist deshalb:

Gott hört nicht auf, Menschen zu suchen.

Er sucht uns nicht nur am Anfang unseres Lebens. Er sucht uns auch später. Und selbst in einer späten Stunde unseres Lebens kann sein Ruf noch an uns ergehen.

Vielleicht hat jemand viele Jahre wenig mit Gott zu tun gehabt. Vielleicht ist jemand durch Enttäuschungen oder schwierige Erfahrungen vom Glauben entfernt worden. Vielleicht fragt jemand: „Kann Gott mich überhaupt noch gebrauchen?“

Das Evangelium antwortet: Ja. Solange wir leben, ist Gottes Ruf nicht beendet.

Doch dann kommt die Überraschung: Am Abend erhalten alle denselben Lohn – auch diejenigen, die nur eine Stunde gearbeitet haben. Die Arbeiter der ersten Stunde sind empört: „Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt!“

Eigentlich haben sie keinen Grund, sich betrogen zu fühlen. Sie bekommen genau das, was vereinbart war. Aber sie können sich nicht darüber freuen, dass ein anderer beschenkt wird. Und hier wird das Evangelium sehr menschlich. Wir können uns über Gottes Güte freuen – solange sie nicht einem anderen mehr zugutekommt als uns.

Vielleicht kennen wir diese Versuchung auch. „Ich bin doch schon seit Jahrzehnten in der Kirche.“ „Ich habe doch immer mitgemacht.“ „Ich habe doch so viel getan.“ Und dann kommt jemand, der lange fern war, zurück zum Glauben, wird herzlich aufgenommen und bekommt eine neue Chance. Und vielleicht regt sich in uns die Frage: „Und ich?“ Jesus stellt uns deshalb eine wichtige Frage: „Ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ Das ist eine Frage an unser Herz.

Denn Gottes Liebe ist kein Kuchen, von dem für mich weniger übrig bleibt, wenn jemand anderes ein großes Stück bekommt.

Wenn Gott einem Menschen vergibt, wird seine Barmherzigkeit für mich nicht kleiner. Wenn Gott einem Menschen einen neuen Anfang schenkt, nimmt er mir nichts weg. Wenn Gott einen Menschen segnet, bedeutet das nicht, dass er mich weniger liebt. Darum sagt Gott durch den Propheten Jesaja: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege.“

Wir denken oft in Kategorien von Leistung und Gegenleistung: Was habe ich getan? Was steht mir zu? Was bekomme ich dafür? Gott beginnt mit etwas anderem: mit seiner Liebe. Das ist der Unterschied zwischen Lohn und Gnade.

Einen Lohn kann ich mir verdienen. Gnade aber ist Geschenk.

Wir können Gott nicht unsere guten Werke vorlegen und sagen: „Jetzt bist du mir etwas schuldig.“

Unser Leben selbst ist schon Geschenk. Unser Glaube ist Geschenk. Menschen, die uns lieben, sind Geschenk. Jeder neue Morgen ist Geschenk. Vergebung ist Geschenk.

Und deshalb tun wir Gutes nicht, damit Gott uns endlich lieben muss. Wir tun Gutes, weil wir bereits geliebt sind. Das verändert unser Leben.

Dann muss ich nicht mehr ständig fragen: „Was bekomme ich dafür?“

Ich kann helfen, ohne Applaus zu erwarten. Ich kann vergeben, auch wenn der andere sich nicht bedankt. Ich kann treu bleiben, auch wenn niemand meine Treue sieht. Und ich kann mich freuen, wenn einem anderen Menschen etwas Gutes geschieht. Vielleicht liegt darin eine große Freiheit.

Denn wir Menschen leben leicht in einem Käfig des Vergleichens. Wir vergleichen unser Leben mit dem Leben anderer, unsere Familie mit anderen Familien, unsere Gesundheit, unsere Möglichkeiten, manchmal sogar unseren Glauben.

Und je mehr wir vergleichen, desto weniger sehen wir das Gute, das Gott uns selbst geschenkt hat.

Das Evangelium lädt uns heute ein, aus diesem Käfig auszubrechen. Nicht mehr ständig zu fragen: „Warum hat der andere mehr?“ Sondern: „Herr, danke für das, was du mir gegeben hast. Und schenke mir ein weites Herz, damit ich mich freuen kann, wenn du auch andere segnest.“

Dabei sagt Jesus nicht, dass menschliche Gerechtigkeit unwichtig wäre. Es geht um etwas Tieferes: um das Reich Gottes und um eine Liebe, die größer ist als unser menschliches Rechnen.

Und noch etwas dürfen wir aus dem Gleichnis mitnehmen:

Der Weinbergbesitzer geht immer wieder hinaus. Das ist ein wunderbares Bild für Gottes Geduld.

Vielleicht ist heute für jemanden genau diese Stunde gekommen. Eine Stunde, in der Gott sagt: „Komm. Ich habe dich nicht vergessen.“ Eine Stunde, in der ein alter Streit beendet werden kann. Eine Stunde, in der Vergebung möglich wird. Eine Stunde, in der jemand nach langer Entfernung wieder zu Gott findet. Eine Stunde, in der wir selbst neu beginnen.

Liebe Schwestern und Brüder,

am Ende stehen wir alle mit leeren Händen vor Gott. Der eine hat vielleicht viel geleistet, der andere weniger. Einer hatte einen langen Weg des Glaubens, ein anderer einen kurzen. Aber keiner von uns kann sagen: „Herr, deine Liebe habe ich mir verdient.“

Wir alle leben aus Gnade.

Darum dürfen wir heute aufhören zu rechnen. Wir dürfen aufhören, uns ständig zu vergleichen. Und wir dürfen lernen, uns über einen Gott zu freuen, dessen Liebe größer ist als unser Denken.

Nehmen wir deshalb einen einfachen Satz mit: „Herr, danke, dass du mich gerufen hast. Schenke mir ein weites Herz, damit ich mich freuen kann, wenn du auch andere segnest.“ Denn Gottes Gnade ist kein Vertrag. Sie ist Geschenk.

Und wer dieses Geschenk annimmt, wird frei: frei vom Neid, frei vom Vergleichen und frei zu lieben. Amen.