Pater Peter Uzor: „Im Gründonnerstag liegt ein heiliges Vermächtnis an uns“
Seine Predigt zum Gründonnerstag 2026 stellt unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor unter die Überschrift „Das Vermächtnis der Liebe“. Dabei reflektiert er den Abend, den Jesus selbst als seinen letzten bewusst gestaltet hat.
Anbei die Worte der Predigt von Pater Peter zu Joh 13,1-15:
Stellen wir uns einen Moment lang eine einfache und zugleich ernste Frage: Was würden wir tun, wenn heute unser letzter Tag wäre? – Eine Frage, die uns sofort mitten ins Herz trifft. Es ist ein Gedankenspiel, das uns zwingt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen.
Was würden wir tun? Würden wir noch einmal zum Telefon greifen, um uns mit jemandem zu versöhnen? Würden wir noch einmal „Danke“ sagen oder die Nähe eines geliebten Menschen suchen? Wir spüren intuitiv: An einem letzten Tag tut man nichts Belangloses mehr. Man tut das, was bleibt. Man setzt Zeichen, die über den Tod hinaus Bestand haben.
In uns allen lebt die Ahnung, dass es eine Wahrheit gibt, die der Tod nicht auslöschen kann.
Genau an diesem Punkt stehen wir heute Abend. Wir treten ein in den Abend, den Jesus selbst als seinen letzten bewusst gestaltet hat. Er wusste, dass die Sanduhr abgelaufen war. Deshalb ist in dieser Nacht nichts zufällig.
Jedes Wort und jede Geste ist sein heiliges Vermächtnis – sein Testament an uns.
Es ist, wenn man so sagen darf, das Herz seines Lebens – verdichtet in wenigen Stunden.
Der Apostel Paulus schreibt im Erster Korintherbrief: „In der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, nahm Jesus das Brot …“
In der Nacht des Verrats beginnt Jesus, sich zu verschenken. Er nimmt das Brot, bricht es und sagt: „Das ist mein Leib – für euch.“
Das heißt: Das bin ich selbst – für euch. Das gebrochene Brot ist ein Zeichen für sein gebrochenes Leben am Kreuz. Jesus deutet dieses Geschehen nicht als blindes Schicksal. Er verwandelt es in Liebe. Er verwandelt die Gewalt, die ihm angetan wird, in eine freiwillige Gabe.
Aus Leiden wird ein Sich-Verschenken.
Und dann fügt er hinzu: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Damit setzt Jesus ein Zeichen, das den Tod überdauert. Er schenkt uns ein „Denkmal“, wie Thomas von Aquin es nennt. Aber dieses Denkmal ist keine tote Statue aus Stein, sondern eine lebendige, reale Gegenwart.
Liebe Schwestern und Brüder,
wenn wir Eucharistie feiern, dann erinnern wir uns nicht nur an etwas Vergangenes.
Wir treten ein in diese Wirklichkeit. Christus ist gegenwärtig – nicht nur symbolisch, sondern wirklich.
Der große Kirchenlehrer Ambrosius von Mailand sagt: Das geschieht, weil das Wort Christi die Macht dazu hat. Das Wort, das die Welt erschaffen hat, kann auch heute Brot in seinen Leib verwandeln.
In der Eucharistie überwindet Gott die Distanz der Jahrhunderte.
Wir „kommunizieren“ mit ihm. Das bedeutet Verbindung, Austausch, Teilhabe zugleich.
Der heilige Cyrill von Alexandrien hat dieses Geheimnis wunderbar zusammengefasst: „Eucharistie bedeutet: Christus in uns und wir in Christus!“ Er schenkt uns seinen Trost, seine Hoffnung und seine Kraft für unseren ganz persönlichen Alltag.
Und – das ist entscheidend – auch wir sollen verwandelt werden. Das ist das Ziel der Eucharistie: nicht nur Nähe, sondern Verwandlung. Dass seine Liebe in uns Gestalt annimmt. Dass seine Haltung unsere Haltung wird.
Und genau hier setzt das Evangelium an. Im Evangelium nach Johannes (Joh 13,1-15) hören wir heute nicht vom Brotbrechen, sondern von der Fußwaschung. Jesus steht auf, legt sein Gewand ab, kniet sich nieder – und wäscht seinen Jüngern die Füße. Ein Dienst, der damals dem niedrigsten Sklaven vorbehalten war.
Gott kniet vor dem Menschen. Das ist so ungeheuerlich, dass Petrus sich wehrt. Denn er spürt: Das ist mehr als eine nette Geste. Das ist eine Zumutung. Und vielleicht geht es uns ähnlich: Wir tun uns schwer mit einem Gott, der sich so klein macht.
Aber genau darin zeigt sich das Wesen Gottes: Er liebt, indem er dient.
Und dann sagt Jesus diesen entscheidenden Satz: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt.“
Hier wird deutlich: Eucharistie und Fußwaschung gehören untrennbar zusammen.
Oder anders gesagt: Was wir in der Eucharistie empfangen, müssen wir in der Fußwaschung weitergeben. Wir empfangen Christus im Brot, damit wir ihn im Nächsten weitergeben.
Das ist sein „Mandat“ – daher der Name dieses Tages: Gründonnerstag, Dies Mandati. Wir werden zu Trägern dieses Auftrags. Das klingt groß – und ist doch ganz konkret: Ein freundliches Wort. Ein Verzeihen. Ein offenes Ohr. Ein Schritt auf den anderen zu. Ein Akt der Versöhnung.
Die Dichterin Ilse Pauls beschreibt es so: Fußwaschung ist Begegnung mit Blicken, Zuwendung der Liebe, Dienst am anderen. Es ist die Kunst, sich klein zu machen, um den anderen groß zu machen. Vielleicht ist das die konkrete Form, in der wir heute Jesu Auftrag leben können.
Liebe Schwestern und Brüder,
die Eucharistie will unser Herz verwandeln. Wenn das nicht geschieht, bleibt sie unvollständig.
Wir könnten es so sagen: Wir sind berufen, selbst zur „Monstranz“ zu werden – zu Menschen, an denen die Liebe Christi sichtbar wird. Nicht nur hier in der Kirche – sondern draußen im Alltag.
Und so kehren wir noch einmal zur Anfangsfrage zurück: Wenn heute unser letzter Tag wäre – was würden wir tun? Jesus hat an seinem letzten Abend etwas getan, das bis heute wirkt: Er hat sich verschenkt. Er hat sich klein gemacht. Er hat seine Liebe sichtbar gemacht – bis zum Äußersten.
Wenn heute unser letzter Tag wäre, gäbe es dann etwas Sinnvolleres, als sich mit Jesus an seinem letzten Abend zu verbinden?
In der Eucharistie verbinden wir uns mit seinem Ringen, seiner Angst, aber auch mit seinem unerschütterlichen Vertrauen in den Vater.
Vielleicht ist genau das die Einladung dieses Abends an uns: In Verbindung zu bleiben mit ihm – in der Eucharistie. Und seine Liebe weiterzugeben – im Dienst am Nächsten.
Die Eucharistie schenkt uns die Gewissheit: Die Liebe ist stärker als der Tod. Gehen wir nun gestärkt in diese heiligen Tage – als „Mandatsträger des Herrn“, die wissen, dass sie geliebt sind, und die bereit sind, diese Liebe als Diener der Mitmenschen weiterzuschenken. Amen.


