In seiner Auslegung des heutigen Sonntagsevangeliums von der Ehebrecherin (Joh 8, 1-11) weist unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir mit Blick auf Entwicklungen in der heutigen Zeit darauf hin, wie schnell ein starres Beharren auf Recht und Gesetz in Gängelei und Unfreiheit umkippen kann. In diesem Zusammenhang warnt er, dass ein Benutzen und Missbrauchen der Religion „doppelt gefährlich“ ist und verweist auf die Veränderung, die mit Jesus Christus in unsere Welt kam. Denn:

„Jesus zeigte eine ganz andere Seite von Religiosität. (…) In seiner Person ist Gottes Gesetz in barmherzigem Gewand erschienen.“

Hier die Predigt von Pfarrer Kreitmeir:

„Recht muss Recht bleiben! Ja, wo kämen wir denn hin, wenn jeder machen kann, was er will und sich niemand mehr an Recht und Gesetz hält …“

Solche Worte kann man heute verstärkt wieder hören, da es in unserer Welt, in der irgendwie jeder machen und lassen kann, was ihm gerade gefällt, komplizierter und unübersichtlicher geworden ist. Da braucht es schon einen starken Staat, eine klare Justiz und eine durchsetzungswillige Polizei …

Nicht falsch, aber Vorsicht: Das kann ganz schnell umkippen in Gängelei und Unfreiheit wie wir es zur Zeit in der Türkei miterleben müssen.

„Und die religiösen Vertreter, ob katholisch oder evangelisch … Ach herrje, alles Weicheier, Wischiwaschi, kein Pepp mehr dahinter …“

Auch was dran. Klarheit und Führungsstärke sehen meistens anders aus. ABER auch hier Vorsicht, denn, um wieder die Türkei heranzuziehen:

Wenn Religion eindeutig benutzt oder sogar missbraucht wird, dann wird es doppelt gefährlich.

Wir hören heute von Menschen, die genau wissen, was sich gehört, denn sie berufen sich auf das Gesetz Mose, das ihnen den Willen Gottes zeigt. Vor allem im Umgang mit Sündern und da besonders Sünderinnen. Und gleichzeitig wollen sie den so lax daherkommenden neuen Rabbi, dem die Leute in Scharen nachlaufen, in eine Falle locken. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die schamlose Sünderin und den Wischiwaschiprediger kann man somit beseitigen.

Wie Jesus reagiert und wie das Ganze ausgeht ist bis heute uneinholbar und genial: Die ach so selbstgerechten Ankläger verschwanden kleinlaut, der neue Prediger zeigte eine ganz andere Seite von Religiosität und die Sünderin wurde zu einer glühenden Nachfolgerin Jesu, weil diese Erfahrung von Annahme und Verzeihung sie nie mehr los lies.

Für mich auffallend ist die Gegenbewegung Jesu zu Mose.

Mose erhielt hoch oben auf einem Berg die Weisungen Gottes und ritzte sie auf Steintafeln. Das Gesetz Gottes wurde gleichsam in Stein gemeißelt und kam aus der Höhe.
Jesus bückte sich, er kniete nieder, beugte sich nach unten und schrieb etwas in den Sand. Was er da schrieb, wissen wir bis heute nicht. Aber es muss für die Wende in der Anklageszene mitentscheidend gewesen sein.

Für mich hat Jesus in genialer und aus dem Herzen kommenden Weise das Gesetz Gottes aus der Höhe in die Niederungen des Alltages runterübersetzt und das in Stein gemeißelte wichtige Wort Gottes in den weichen Sand fließen lassen.

Recht und Gesetz sind richtig und wichtig!
Barmherzigkeit und die auf die jeweilige Situation übersetzte Umsetzung des Gesetzes sind wichtiger und zielführender.

„Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9, 13)

Gott schenkt uns eine Liebe, die nicht primär Opfer fordert, sondern die hinter der Enge einer Verurteilung die Tür zur Weite der Barmherzigkeit öffnet.

Der Prophet Ezechiel drückt dies so aus: „Ich habe keinen Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass er auf seinem Weg umkehrt und am Leben bleibt“ (Ez 33,11).

Gott will niemanden „opfern“, nur damit dem Gesetz Genüge geleistet wird, Gott will die Menschen retten. Und genau das tut er in Jesus!

Nebenbei und dann doch nicht nebenbei erwähnt, sondern besonders betont: Der Name Jesus kommt von Jehoschua / Jeschua und das bedeutet: Gott rettet.

In seiner Person ist Gottes Gesetz in barmherzigem Gewand erschienen.

Und wer schon einmal wirklich warmherzige Vergebung und Verzeihung erfahren hat, den wird diese Erfahrung, die sein Herz befreit, nie mehr vergessen. Sein Denken, Fühlen und Handeln werden anders werden.
Spüren wir doch einmal in so eine Erinnerung hinein und lassen wir sie wieder neu in uns lebendig werden. Unser Leben wird weicher, wärmer und liebevoller. Amen.

 

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