Pfarrer Kreitmeir: „Gott will uns durch Jesus Christus die Augen für eine andere Sichtweise öffnen“

Unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir geht in seiner heutigen Predigt, die unter dem Titel „Die Seligpreisungen: Gottes andere Logik“ heute auf katholisch.de erschienen ist, den Seligpreisungen Jesu (Lk 6,17.20-26) nach und lässt bei seiner Betrachtung „viele kluge Köpfe“ zu Wort kommen, um die Substanz der Message Jesu verständlich zu machen. In der Email zu seiner Predigt an uns schreibt Pfarrer Kreitmeir:

„Die Seligpreisungen Jesu sind schwere Nahrung, die Magen- und Kopfschmerzen verursachen können. Dabei sind sie das Medikament Gottes gegen Unglück, Sinnleere und Niedergang, persönlich und auch für die ganze Menschheit. Das sind keine Wellnessbrötchen, das ist Schwarzbrotspiritualität, die Gott uns da als Proviant auf dem Weg zum wahren Glück mitgibt.“

Spannend ist dabei, wie bewusst und gezielt die einzelnen Seligpreisungen auf die vorhergehenden aufbauen. Nach dem Essen dieser geistlichen Nahrung sollten Sie, wie es der Volksmund so schön sagt, ruhn oder tausend Schritte tun, damit das
Zusichgenommene dann auch in Fleisch und Blut übergehen kann.

Hier die Worte seiner Predigt:

Da sind sie wieder, die Seligpreisungen. Wie oft haben wir sie schon gehört. Wie oft haben wir dazu schon mehr oder weniger hilfreiche Ausdeutungen vernommen. Und doch… Sie stoßen immer wieder auf, weil sie irgendwie für unser Denken und Empfinden schwer verdaulich sind. Nicht nur schwer verdaulich können die Aussagen der Bibel sein, sie können auch Kopfschmerzen bereiten, wie der Dramatiker, Lyriker und Atheist Bertolt Brecht einmal sagte: „Kopfschmerzen bereiten mir in der Bibel nicht die Worte, die ich nicht verstehe, sondern die, die ich verstehe.“

Selig, die Armen, die Hungernden, die Traurigen, die Gehassten, Beschimpften, Gemobbten … Hallo!? Wir wissen alle, dass die Welt, in der wir leben, ganz anders funktioniert:

In diesem Sinn formulierte einmal der kath. Theologe Heinrich Fries: „Verraten sind die Armen, denn sie haben nichts einzubringen. Verraten sind die Sanftmütigen, denn sie werden an die Wand gedrückt. Verraten sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn Macht geht vor Recht und Geld regiert die Welt.“

Wer die Seligpreisungen liest, der meint, dass die uns bekannte Welt hier total auf den Kopf gestellt wird.

Genau das meint auch der englische Schriftsteller, Philosoph und Journalist G.K. Chesterton, wenn er sagt: „Liest man die Bergpredigt zum ersten Mal, hat man den Eindruck, dass alle auf den Kopf gestellt wird. Beim zweiten Mal entdeckt man, dass alles genau richtiggestellt wird. Zuerst denkt man, ein derartiges Leben sei unmöglich, um dann festzustellen, dass nichts anderes möglich ist.“ Und genau so ist es:

Gottes Welt ist eine andere, sie ist die Korrektur zur unseren.

Wir benötigen mitten in unserem Unbehagen von Sorgen, Problemen und Nöten einen anderen, einen korrigierenden Blick.

Gott will uns durch Jesus Christus die Augen für eine andere Sichtweise öffnen und in seine Welt einladen.

Denn: Unser Glück ist Jesu Herzensanliegen. Dies bringt er in den Seligpreisungen auf den Punkt, denn sie werten unsere Wirklichkeit um.

Wer meint, dass Glück immer nur mit Gelingen, Freude, Schönem, Gesundheit und Reichtum zu tun hat, der irrt sich und wird unglücklich werden.

Dies meinte Jesus wohl auch mit den Wehrufen. Wehe dem, der nur aus Materiellem seine Sicherheit bezieht, der selbstzufrieden oder nur auf sich bezogen lebt. „Amerika first“ und viele andere selbstherrlichen Aussagen von mächtigen Menschen, die sich wie Herrgötter aufführen, andere beleidigen und verbal niedertreten, sind die Adressaten der Wehrufe Jesu. Solche Mitmenschen, die man ungern in der eigenen Nachbarschaft hätte, wachsen heutzutage wie Pilze aus dem Boden und gefährden den sozialen, ja sogar den Weltfrieden.

Zum Leben, zum ganzen Leben gehört es, nicht nur sich selbst und seine Vorteile im Auge zu haben, zum gelingenden Leben gehört die Fähigkeit, Schweres, Belastendes, Unerträgliches umdeuten zu können, damit es leichter, erträglicher und vor allem sinnvoll wird. Wenn wir an den Tatsachen des Lebens nichts ändern können, dann können wir aber unsere Einstellung dazu ändern.

Der große österreichische Psychiater Viktor E. Frankl nannte diese Kunst Einstellungsmodulation. Sie stellt eine der Methoden der Logotherapie und Existenzanalyse dar: Wenn man keine Möglichkeit hat, einen Zustand zu ändern, so kann man immer noch die Haltung zur Situation verändern, d.h. die Aussöhnung mit Unabänderlichem, das Integrieren dessen in sein Leben. Mit einfachen Worten gesprochen bedeutet dies: Man sucht den persönlichen Freiraum für Möglichkeiten, die in der jeweiligen Situation noch verwirklicht werden können.

Die Seligpreisungen Jesu öffnen unseren oft so irdisch-materiellen Blick hin zum Geistigen, zur Spiritualität. Dadurch können wir das Heilsame im Scheitern erkennen, denn Leben ist mehr als nur Gelingen.

Die Feldrede bei Lukas, die heute im Zentrum unseres Interesses steht, ist eine Art Zusammen- oder Kurzfassung der Bergpredigt bei Matthäus (Mt 5,1 – 7,29; Die Seligpreisungen dort: Mt 5, 1-11). Die Reihenfolge der aufgezählten Seligpreisungen dort sind aber nicht zufällig, sie bauen aufeinander auf. Wer der Logik dieser Weisungen folgt, der findet den Weg zu echtem Glück (vgl. jesus.ch):

  • Vor Gott arm sein (Vers 3) – das ist der Einstieg: Gott reagiert auf offene Hände, fragende Herzen und das Bewusstsein, dass man es nicht in der Hand hat. Armut bedeutet: „Ich kann mir das Leben von Gott nicht erarbeiten. Es muss mir geschenkt werden“ Wie befreiend: ich muss das Entscheidende nicht selbst leisten! Ein neues Herz wird nicht entwickelt, sondern geschenkt.
  • Leid tragen (Vers 4): Geistliches „Trauern“ ist die normale Folge der Erkenntnis, dass ich vor Gott „arm“ bin. Das tut weh. Wer sich ansieht und den Blick in den Spiegel aushält, wird trauern, dass er so ist. Das öffnet für Gott.
  • Sanft-mütig sein (Vers 5): Wer jetzt nicht um sich, sondern gleichsam in sich schlägt, der ist auf dem richtigen Weg. Nicht Power und Macht bringen das Leben, sondern Sanftheit kommt vorwärts.
  • Sehnsucht haben (Vers 6): Das Leben von Gott wird nicht so im Vorbeigehen mitgenommen, sondern Gott begegnet den Menschen, die Hunger und Durst nach Gerechtigkeit und Heil-Sein haben.
  • Barmherzig sein (Vers 7): Wer sich selbst erkannt hat, wird mit anderen Menschen anders umgehen – und aktiv in seiner Umgebung Gutes schaffen.
  • Reinen Herzens sein (Vers 8): es geht aber nicht nur um äußeres, soziales Handeln, sondern um das Herz, um die Motive. Ein reines Herz ist ein gereinigtes Herz – Gott bietet uns totale Vergebung aller Schuld an.
  • Frieden schaffen (Vers 9): Wer innerlich Frieden mit Gott bekommen hat, wird nach außen auch dafür eintreten. Versöhnung endet nie bei mir!
  • Standhaft sein (Vers 10-12): Wer Jesus nachfolgt, wird Widerstand erleben. Es ist fair von Gott, dass er uns das vorher mitteilt. Aber Widerstand ist ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Glaube, Hoffnung und Liebe fokussieren die Seligpreisungen, sie verdichten sie wie Brennpunkte, die entstehen, wenn Licht in konzentrierter Weise durch eine Lupe, ein Brennglas fällt:

Glaube beginnt immer dann, wenn wir erkennen, dass wir letztlich leere Hände haben. Glaube ist eine Grundhaltung des Vertrauens Gott gegenüber.

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. (Vaclav Havel – tschechischer Dramatiker, Essayist, Menschenrechtler und Politiker)

Und Liebe ist das Gefühl tiefer inniger Verbundenheit, die einen selbst übersteigt und frei macht.

 

Mehr spirituelle Impulse vom Buchautor, Sprecher und Klinikseelsorger Pfarrer Christoph Kreitmeir gibt’s HIER