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In seinem Impuls zum heutigen Sonntagsevangelium „von den anvertrauten Talenten“ (Mt 25, 14-30) geht Pfarrer Rainer Maria Schießler auf den Aspekt der Angst ein, die den „schlechten und faulen Diener“ charakterisiert.

Hier die Gedanken zum Evangelium, die Pfarrer Schießler unter dem Titel „Angst, die lähmt“ auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat:

Aus Angst vor der Strenge seines Herrn ist der dritte Diener in seinem Denken und Handeln wie gelähmt. Leibhaftige Angst lähmt immer und so tut er nichts: „Weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt“, sagt er und errechnet sich für seine Unterwürfigkeit auch noch Anerkennung.

Die Angst in der Religion lähmt das Leben.

Es muss ersticken, wenn es sich vor Gott bei jedem Schritt und Tritt nur als sündig sehen kann. Die Sündenfallgeschichte von Adam und Eva macht diese Angst bildhaft. Die Welt war böse geworden und der Mensch in ihr. Festgeschrieben in der Erbsündenlehre ist das Böse und damit auch die Angst lückenlos auf alle Menschenkinder übergegangen. Der dringend notwendige Zusammenhang von Schuld und persönlicher Verantwortung war auseinandergerissen und wurde für die Kirche zu dem ungeheuren Ballast, der sie daran hindert, sich viel gelassener über das Weltliche zu erheben.

Ein Blick auf einen neugeborenen Menschen würde genügen: er ist randvoll von Unschuld!

Doch viel zu lange war die Höllenangst ein heilsames Mittel gegen furchtlose Gläubige zum angeblich so guten Zweck.

Doch wer aus Angst vor Gott etwas tut oder lässt, ist keinesfalls moralisch und schon lange nicht heilig.

Im Gegenteil: jedes überlegte, vernünftige, sachgerechte Handeln ist unter Angst unmöglich.

In der Menschheitsgeschichte hat sich jedoch die tiefe Ahnung erhalten und durchgesetzt, dass ein Gott über uns nur dann einen Sinn macht, wenn er dem Menschen Freiheit lässt. Ansonsten wäre er nur eine Marionette, ein armseliges Spielzeug in den Händen einer seelen- wie gnadenlosen Übermacht.

So steht auch die Frohe Botschaft Jesu gegen alle Angst und zeigt sich nicht nur in seinem Umgang mit den Menschen, die von den religiösen Angstmachern als Sünder bezeichnet wurden wie Zöllner und Prostituierte.

Überhaupt fehlt in der Psychologie des Evangeliums konsequent der Zusammenhang zwischen Sünde, Schuld und Strafe. Der „verlorene Sohn“ ist das Paradebeispiel hierfür.

Exakt so verrückt handelt Gott. Genau dieses Talent (Gegenwert heute wäre ein halber Zentner Gold!), dieser Sack voll Gold, ist uns anvertraut. Gemeint aber ist die Zusage Jesu, dass alle Menschen durch die Liebe Gottes gerettet und zum Leben in ihm bestimmt sind. Ohne Bedingungen, ohne Voraussetzungen, unabhängig von unserer Vergangenheit.

Mit diesem Talent sollen wir wuchern und unser Leben so leben, dass es gelingt.

„Sünde“ und „Schuld“, obwohl es beides in unserem Leben gibt, können und dürfen in der Kirche nicht mehr die ersten und die letzten Worte über den Menschen sein.

Das erste und letzte Wort ist die Freude an der Frohen Botschaft, die Jesus uns gebracht und durch sein Leben unter uns bezeugt hat: „Ich will, dass ihr das Leben habt und zwar in aller Fülle“.

Amen.