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In seiner Auslegung zum heutigen Sonntagsevangelium (Mt 18,15-20), die er unter die Überschrift „Liebevolle Reihenfolge“ stellt, erklärt unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor, wie der Evangelist Matthäus die kirchlichen Umgangsformen mit Sündern beschreibt und dabei freilich kaum eine bestimmte Verfahrensordnung festschreiben, sondern vielmehr zeigen will, welche Wege der Versöhnung die Jünger Jesu suchen und zu Ende gehen sollen. Der Evangelist setzt dabei voraus, dass die Kirche Jesu Christi nicht aus moralisch Vollkommenen besteht, sondern aus schwachen Menschen, die immer wieder der Versuchung nachgeben, andere zu kränken, sich auf ihre Kosten durchzusetzen, ihnen das vorzuenthalten, was sie zum Leben brauchen. Der Evangelist zeigt auch: Kirche ist eine Kirche der Vergebung: einer Vergebung, die von der Vollmacht Jesu selbst getragen ist, der „mitten unter ihnen ist“, wo immer „zwei oder drei“ in seinem Namen versammelt sind (Mt 18,20).

Hier die Worte seiner Predigt:

„Er war unmöglich. Nicht etwa, dass er seine Arbeit nicht tat, im Gegenteil, er verwandte unendliche Mühe auf die Aufgaben, die man ihm übertrug. Sein Verhalten aber brachte ihn mit jedermann in Konflikt und begann schließlich den ganzen Betrieb zu stören. Als die Krise eintrat und alles an den Tag kam, belastete er uns: an ihm gab es nichts, aber auch gar nichts zu tadeln. Ebenso stark, wie sein Selbstgefühl danach verlangte, schuldlos zu sein, war es unseren Gefühlen zuwider, ihm Schritt für Schritt die Widersprüche in seiner Verteidigung darzulegen, ihn Stück für Stück vor sich selber auszuziehen. Aber die Gerechtigkeit gegenüber den anderen verlangte das. Als ihm der letzte Lügenfetzen genommen war und wir erkannten, dass es nichts mehr zu sagen gab, da kam es unter krampfhaftem Weinen: Aber warum habt ihr mir niemals geholfen, warum habt ihr mich nicht zurechtgewiesen? Ich habe erkannt, dass ihr gegen mich wart. Und Furcht und Unsicherheit haben mich weiter und weiter in das getrieben, was ihr jetzt tadelt. Es ist schwer gewesen, alles. Ich erinnere mich eines Tages, an dem ich mich freute: Einer von Euch meinte, dass etwas, was ich vorgebracht hatte, wahrhaft gut sei – So war der Fehler am Ende doch unser. Wir hatten zwar unsere Kritik unterdrückt, aber uns doch von ihr hindern lassen, ihm eine einzige Anerkennung zu geben. Und wir hatten auf diese Weise alle Wege zur Heilung versperrt.“

[Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg. Das spirituelle Tagebuch des UN-Generalsekretärs. Aus dem Schwedischen von Anton Graf Knyphausen © Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus GmbH, Stuttgart ²2012.]

Was Dag Hammarskjöld in seinem Tagebuch erzählt, hat mich betroffen gemacht. „Warum habt ihr mir nichts gesagt?“ Es gibt immer wieder Situationen, in denen Menschen sich „unmöglich“ benehmen, in denen sie schuldig werden. Aber wer macht da schon den Mund auf und spricht diesen Menschen direkt an? Gesprochen wird schon, aber hinter vorgehaltener Hand, nicht mit dem Betroffenen, sondern über ihn.

Wer geht schon den Weg, den heute das Evangelium vorschlägt: Sprich zuerst unter vier Augen mit ihm. Wenn das nicht fruchtet, nimm einen anderen mit und versucht es noch einmal. Und erst wenn gar nichts zu machen ist, geh an eine übergeordnete Stelle.

Meist geht der Weg genau umgekehrt: Zuerst wird über den Menschen und sein unmögliches Verhalten geredet, vielleicht wird er sogar öffentlich angeklagt. Aber keiner spricht ihn persönlich an.

Ich erinnere mich an eine Situation, die ich heute noch beschämend finde. Wir saßen zu dritt beieinander – und der Vierte war „in unserem Munde“. Er hatte sich tatsächlich sehr falsch, ja unmöglich benommen. Wir brachten es aber nur fertig, über ihn zu reden, nicht mit ihm. Was wir nicht wussten: Er kam zufällig an der Tür vorbei, und weil wir nicht gerade leise waren, bekam er alles mit. Am nächsten Tag klopfte es an meiner Tür – und er kam herein. „Ich habe euch gestern Abend gehört. Was ist los? Warum sprecht ihr nicht mit mir?“ Das war eine beschämende Situation! Die Offenheit, die ich hätte an den Tag legen müssen, zeigte er. Aus dieser Situation hat sich ein sehr fruchtbares Gespräch entwickelt.

Genau da liegt das Problem! Wer hat schon den Mut, einen anderen unter vier Augen offen auf seine Fehler anzusprechen?

Das klingt so einfach und ist doch so schwer.

Da ist ein Mann, der mit seinem Verhalten der ganzen Nachbarschaft auf den Geist geht. Es wird getuschelt und über ihn geredet. Er wundert sich, dass sich die Nachbarn so linkisch zu ihm verhalten, weiß aber nicht, warum. Aber wie soll er sein Verhalten überprüfen, wenn er nicht weiß, dass und wo er Fehler macht?

Ein Kollege benimmt sich oft daneben. Aber anstatt mit ihm zu reden, geht die Beschwerde direkt an den Chef.

Einem Priester ist lebendig gestaltete Liturgie wichtig. Dazu nimmt er sich gelegentlich auch Freiheiten, die die Gültigkeit des Gottesdienstes nicht in Frage stellen, vielleicht die eine oder andere Vorschrift. Anstatt zunächst einmal mit dem Priester zu reden, um zu verstehen, warum er das macht, schreiben Gottesdienstbesucher einen Beschwerdebrief direkt an den Bischof.

Wir Menschen tun uns oft schwer mit der richtigen Reihenfolge – und damit auch mit einer Reihenfolge, die dem Gebot der Liebe entspricht.

Kaum ein Problem gehört sofort an die oberste Instanz und an die Öffentlichkeit. Es ist doch zunächst einmal wichtig, mit dem Menschen zu sprechen, um den und dessen Verhalten es geht.

Weil die Liebe zentrales Thema in der Predigt Jesu ist, darum empfiehlt er heute im Evangelium diese Reihenfolge.

Das ist eine Frage der Liebe! „Die Liebe schuldet ihr einander immer«, so sagt es der Apostel Paulus in der Lesung“ (Rom. 13:8).

In der richtigen Reihenfolge liegt auch die Chance, dass jemand sich ändern kann.

Oft genug ist ihm gar nicht bewusst, dass er etwas falsch macht. Nur Offenheit seiner Umgebung kann ihn auf die Spur setzen. Aber wie soll er, wie soll sie auf die richtige Spur kommen, wenn Mitmenschen, wenn Mitchristen den Dienst der geschwisterlichen Zurechtweisung verweigern?

Schnell ist es so, dass durch das unfaire, wenn auch „hochinteressante“ Gerede über andere oder gar durch eine offizielle Anklage ein Verhalten in eine solche Öffentlichkeit kommt, dass der Betroffene gar nicht anders kann als verbittern und sagen: „Jetzt erst recht!“ – oder es leugnen, um sein Gesicht zu wahren. In der richtigen Reihenfolge liegt die Chance, dass ein Mensch sich ändern kann.

Durch ein offenes Gespräch erfahre ich manchmal, warum jemand so handelt, wie er es tut. Ich erfahre vielleicht, wie dieser Mensch unter sich selbst und seiner Art leidet, wie glücklich er wäre, wäre er ein anderer, eine andere. Durch ein offenes Gespräch erfahre ich vielleicht, wie schwierig der Lebensweg dieses Menschen war, der ihn/sie auf eine solche Spur gebracht hat. Und plötzlich stört mich sein Verhalten nicht mehr. Ich verstehe ihn.

Die Reihenfolge, die Jesus im Evangelium dringend rät, wenn es um das Gespräch mit Mitmenschen geht, mit denen man sich schwer tut, ist eine sinnvolle Reihenfolge, vor allem eine liebevolle.

Sie sucht zuerst das Gespräch unter vier Augen. Das beschämt den anderen nicht, das stellt ihn nicht bloß. Dieses Gespräch klagt nicht an, es sucht zu verstehen. Vor allem schützt es den persönlichen Lebensraum eines Menschen.

Wie gut und wichtig das ist, kann jeder spüren, wenn er in sein eigenes Leben schaut. Ich habe doch schließlich auch meine Schwachstellen. Ich kenne doch Anteile meines Lebens, auf die ich überhaupt nicht stolz bin, vor denen ich am liebsten die Augen verschließen möchte; Situationen, in denen ich auf die liebevolle Offenheit meiner Mitmenschen und vor allem meiner Mitchristen angewiesen bin. Und den anderen geht es nicht anders!

Auf dem Hintergrund solcher Erfahrungen möchte ich mich und Sie ermutigen zu liebevoller Offenheit, wie sie Jesus im Evangelium empfiehlt. Rede mit deiner Schwester, mit deinem Bruder. Rede liebevoll mit ihm/ihr. So kannst du deinen Bruder, deine Schwester gewinnen. Amen.

 

Hier ein schöner Song vom evangelischen Pfarrer Clemens Bittlinger – „Aufsteh’n, aufeinander zu gehen“: