Foto: Sarah Kosian

Pater Peter Uzor: „Gott begegnet uns im Gesicht des Anderen“

Seine Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis (Lesungen: 2 Kön 4,8-11.14-16, Röm 6,3-4.8-11; Evangelium: Mt 10, 37-42) stellt unser geistlicher Begleiter Pater Dr. Peter Uzor unter die Überschrift „Gastfreundschaft“ und beschreibt dabei, warum Gott uns in anderen Menschen begegnet.

 

Anbei die Worte der Predigt von Pater Peter: 

 

Es gibt Menschen, die eine besondere Gabe besitzen: Wo sie sind, fühlen sich andere willkommen. Man tritt über ihre Türschwelle – und spürt sofort: Hier bin ich nicht nur geduldet. Hier bin ich gemeint. Hier darf ich sein. Vielleicht kennen Sie solche Menschen. Vielleicht denken Sie an das Elternhaus, an eine Großmutter oder an einen Freund.

Gastfreundschaft hat etwas Geheimnisvolles.

Sie besteht nicht zuerst aus einem reich gedeckten Tisch oder einem schönen Gästezimmer. Sie beginnt viel früher: Sie beginnt mit einem offenen Herzen. Und genau darum geht es in den heutigen Schriftlesungen.

Die erste Lesung erzählt von einer Frau aus Schunem. Sie sieht den Propheten Elischa immer wieder vorbeiziehen. Sie kennt seine Geschichte nicht. Sie weiß nichts über seine Herkunft. Aber sie erkennt etwas Wesentliches. Sie sagt zu ihrem Mann: „Ich weiß, dass dieser Mann ein heiliger Gottesmann ist.“ Sie sieht nicht nur einen Fremden. Sie sieht einen Menschen, in dem Gott wirkt.

Und weil sie so sieht, handelt sie auch entsprechend. Sie öffnet ihm ihr Haus. Sie richtet ihm sogar ein kleines Zimmer ein – mit einem Bett, einem Tisch, einem Stuhl und einer Lampe. Es ist kein Palast. Es ist ein einfacher Raum. Aber er wird zu einem Ort, an dem Gottes Segen einziehen kann.

Bemerkenswert ist: Die Frau erwartet keine Gegenleistung. Sie rechnet nicht nach. Sie fragt nicht: „Was bringt mir das?“ Sie schenkt Gastfreundschaft einfach deshalb, weil sie im anderen Menschen etwas von Gott erkennt.

Am Ende wird gerade sie beschenkt. Das lange unerfüllte Geschenk eines Kindes wird ihr zugesagt. Das ist die erste Botschaft des heutigen Sonntags:

Wer Raum für Gott schafft, wird selbst reich beschenkt. Wer sein Herz öffnet, schafft Raum, damit Gott handeln kann.

Im Evangelium führt Jesus diesen Gedanken weiter. Er sagt: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.“

Das sind erstaunliche Worte. Jesus sagt nicht: „Behandelt die Menschen freundlich.“ Das wäre schon viel. Er sagt etwas Tieferes:

In jedem Menschen kann uns Christus selbst begegnen. Damit verändert sich unser Blick.

Wir fragen dann nicht mehr zuerst: „Ist dieser Mensch sympathisch? Hat er dieselben Ansichten wie ich? Gehört er zu meiner Kultur oder meiner Sprache? Ist er nützlich für mich?“ Sondern wir beginnen zu fragen: „Wie begegnet Christus mir gerade in diesem Menschen?“ Das ist der eigentliche Kern christlicher Gastfreundschaft.

Natürlich gibt es viele gute menschliche Gründe, freundlich zu sein: Mitgefühl, Höflichkeit oder Hilfsbereitschaft. All das ist wertvoll.

Doch das Evangelium geht noch weiter. Es sagt: Hinter jedem menschlichen Gesicht verbirgt sich die Würde eines Menschen, der nach Gottes Bild geschaffen ist. Deshalb kann jede Begegnung zu einer Begegnung mit Christus werden.

Gerade in unserer Zeit ist diese Botschaft aktueller denn je. Unsere Welt baut viele Mauern. Mauern aus Angst. Mauern aus Vorurteilen. Mauern zwischen Nationen, Kulturen, Religionen oder politischen Lagern. Oft begegnen wir Menschen zunächst mit Misstrauen. Schnell stecken wir andere in Schubladen. Wir sehen Kategorien statt Gesichter.

Das Evangelium lädt uns heute ein, einen anderen ersten Schritt zu wagen. Nicht Naivität. Nicht Gedankenlosigkeit. Jesus verlangt nicht, jede Vorsicht aufzugeben. Verantwortung und Klugheit bleiben notwendig. Wo es Unrecht oder Gewalt gibt, darf man die Augen nicht verschließen.

Aber das Evangelium fordert etwas anderes: Dass unser erster Blick nicht von Angst bestimmt wird, sondern von der Liebe. Dass wir im anderen zunächst den Menschen sehen. Und vielleicht sogar Christus.

Der heilige Paulus erklärt in der zweiten Lesung, warum Christen überhaupt so leben können. Er erinnert uns an unsere Taufe. Mit Christus sind wir gestorben und mit ihm zu einem neuen Leben auferstanden. Das bedeutet: Der alte Mensch, der sich nur um sich selbst dreht, der ständig fragt: „Wie sichere ich mich ab?“, soll immer mehr zurücktreten.

Ein neuer Mensch soll wachsen. Ein Mensch, der Vertrauen lernt. Ein Mensch, dessen Herz weiter wird. Ein Mensch, der nicht ständig Grenzen zieht, sondern Brücken baut. Die Taufe verändert also nicht nur unsere Beziehung zu Gott. Sie verändert auch unseren Blick auf die Mitmenschen.

Wer mit Christus lebt, erkennt in jedem Menschen zuerst einen Bruder oder eine Schwester.

Liebe Schwestern und Brüder, Gastfreundschaft beginnt deshalb nicht an der Haustür. Sie beginnt im Herzen. Vielleicht können wir nicht jeden Fremden in unser Haus einladen. Aber wir können jeden Menschen mit Würde behandeln. Wir können zuhören. Wir können freundlich grüßen. Wir können dem Einsamen Zeit schenken. Wir können einem neuen Nachbarn den ersten Schritt entgegengehen. Wir können in unserer Pfarrgemeinde darauf achten, dass niemand das Gefühl hat, übersehen zu werden.

Vielleicht sitzt heute jemand in unserer Kirche, der zum ersten Mal hier ist. Vielleicht fühlt sich jemand allein. Vielleicht trägt jemand eine schwere Last, von der niemand etwas weiß. Gerade dort entscheidet sich, ob unsere Gemeinde wirklich ein Ort ist, an dem Christus willkommen ist.

Denn Christus kommt oft nicht spektakulär. Er kommt im Gesicht eines Menschen. Im Bedürftigen. Im Suchenden. Im Fremden. Im Einsamen. Und manchmal sogar in dem Menschen, der uns Mühe macht.

Am Ende stellt uns das Evangelium heute nur eine einzige, aber sehr persönliche Frage: Für wen soll ich in meinem Herzen mehr Raum schaffen? Gibt es jemanden, den ich vorschnell beurteile? Gibt es jemanden, dem ich aus Angst oder Vorurteilen ausweiche? Gibt es vielleicht einen Menschen, in dem Christus schon lange an meine Tür klopft?

Bitten wir den Herrn in dieser Eucharistie, dass er unser Herz weit macht. Dass wir lernen, mit seinen Augen zu sehen.

Denn wo ein Christ einem Menschen mit Liebe begegnet, dort öffnet sich nicht nur eine Tür. Dort öffnet sich ein Raum, in dem Gott selbst wohnen möchte.

Amen.