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In seiner Auslegung zur Lesung (Kol 3, 1-4) und zum Evangelium (Joh 20, 1-18) am Ostersonntag betont unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir, dass echte Liebe stärker als der Tod ist.

Anbei die Worte seiner Predigt als Audio-Datei und anschließend im Text-Format:

 

 

Was sagst du als Seelsorger einer älteren Frau im Krankenhaus, die letztes Jahr fast zur gleichen Zeit – während der Karwoche – ihren Mann an Corona verloren hatte. Du sagst länger nichts, du hältst das Schweigen aus. Und dann hörst du zu und folgst ihren Erzählungen des schweren Schicksals und des einschneidenden Verlustes. So eine Situation erlebte ich vor gut einer Woche als ich bei einem Krankenbesuch diese Witwe kurz vor ihrer Operation besuchte, sie, die seit einem Jahr ihren Mann schmerzlich vermisst.

Lag es daran, dass ich mich innerlich schon mit Ostern beschäftigte oder war es eine Eingebung? Da diese Frau eine gläubige Christin war, konnte ich davon ausgehen, dass sie diese Ostergeschichte kannte, die wir gerade gehört haben: Maria von Magdala ist die zentrale Figur dieser Suche nach dem toten Jesus im Grab. Sie findet höchst verwundert ein leeres Grab vor, holt Petrus und Johannes, lässt diesen den Vortritt, damit diese beiden wichtigen Glaubenszeugen ihre Auferstehungserfahrung machen konnten.

Dann kommt aber eine Liebes-Trauer-Wiederfindungsgeschichte, die mich persönlich immer wieder neu berührt.

Maria von Magdala steht draußen vor dem leeren Grab und weint. Der vergewissernde Blick ins Grab, ob er, Jesus, wirklich nicht mehr da ist, lässt sie verwundert Engel erblicken, die sie fragen, warum sie weint. Dann kommt eine Aussage, welche die sehnsuchtsvolle und trauernde Liebe dieser Jüngerin Jesu zeigt: „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Danach wandte sie sich vom Grab weg und sah auf einmal Jesus, wusste aber nicht, dass er es war. Sie vermutete den Gärtner in ihm und stellte erneut diese Frage. Sie ergänzt sie in einer Weise, welche erneut die starke Liebe einer Trauernden zeigt: „Wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.“

Der vermeintliche Gärtner Jesus sprach sie an wie er sie immer angesprochen hatte: Mit ihrem Vornamen und auf unverwechselbare Weise, so, dass bei ihr alles Vernebelnde abfiel und sie ihn erkannte, ihn liebevoll so nannte, wie sie ihn immer nannte: Rabbuni, geliebter Meister! Und dann wollte sie ihn festhalten, wen wundert´s?

Jesus sagte dann in drei Sätzen etwas sehr Wichtiges, das die ganze Traurigkeit des Vermissens des Geliebten in eine neue Richtung lenkte: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“

In dieser Kurzform erzählten die trauernde Frau im Krankenzimmer und ich uns gegenseitig diese ganz besondere Ostergeschichte. Die Schwere des harten Schicksals zwischen gesundheitlich angeschlagener Frau, die ihren geliebten Mann seit einem Jahr schmerzlich vermisst, hellte sich leicht auf und deshalb traute ich mich, diese Ostergeschichte mit ihrer Geschichte zu verbinden.

Das Leben ist unfair und ungerecht. Geliebte Menschen werden einem durch ein hartes Schicksal genommen. Das muss geschluckt, verkraftet, ertragen werden, auch wenn es kaum zum Ertragen ist.

Du musst das Alles eigentlich alleine durchmachen, auch wenn hie und da Weggefährten und Weggefährtinnen eine Zeit lang mitgehen. Das erste Jahr der Trauer ist der Versuch, irgendwie mit diesem unerträglichen Verlust zurecht zu kommen. Der immer sich wiederholende Gang zum Grab gibt zwar irgendwie Trost, so nach und nach empfindet man aber die Leere des Grabes, die Härte des Verlustes ein zweites Mal. Im zweiten Jahr wird es noch unerträglicher, denn dann wird einem bewusst, dass der Verstorbene wirklich weg ist, gleichsam unterwegs hinauf zum Vater, zu Gott. Anfangs hat man vielleicht noch von ihm geträumt, so nach und nach entfernt er sich aber auch in der Innenwelt der trauernden Seele und die Trauer macht zunehmend starr, sprachlos und hilflos.

Maria von Magdala, die große Liebende, lässt nicht nach, ihr begegnet am dritten Tag, dem ersten Tag der Woche, dem Beginn einer Wende, einer neuen Zeit, der Geliebte auf ungeahnte und neue Weise, dass sie ihn zuerst gar nicht erkennen kann. Genauso ist es mit einer trauernden Liebe.

Immer wieder erzählen mir Menschen – und ich kenne diese Erfahrung Gott sei Dank auch selbst – , dass ab dem dritten Jahr sich etwas ändern kann in der Trauer, wenn, ja wenn der/die Trauernde in den schweren und leeren Zeiten trotzdem immer „auf Empfang“ geblieben ist.

Es kommt irgendwann die Zeit, da erscheint der geliebte Mensch in neuer Weise, dass man ihn auf den ersten Blick fast nicht erkennt, einem dann aber alle Schwere abfällt, wenn er vertraut zu einem spricht oder andere Signale gibt, dass er lebt, dass er da ist, dass er nie mehr weg sein wird.

Jesus erwähnt drei wichtige „Schritte“ weg vom schweren Vermissen hin zum immer wieder neu Kraft gebenden Wissen von neuem Leben:

  • Halte mich nicht fest
  • Ich bin auf dem Weg zum Ursprung, zur Heimat, zu Gott
  • Geh du zu den Gleichgesinnten und erzähle von deiner Auferstehungserfahrung

Wir kommen vom Trauern zum Erfahren einer neuen Nähe, die einem nie mehr verlassen wird, wenn wir uns genau an diese Schritte halten:

  • Nicht festhalten, sondern freigeben
  • Wissen um einen Ursprung und eine Heimat für den Geliebten auf der sogenannten Jenseite, die gleichzeitig hier auf die Diesseite hereinwirkt
  • Mit Gleichgesinnten sich über solche besonderen Erfahrungen austauschen. Mit Gleichgesinnten, denn das unterstützt. Andersgesinnte werden es nie verstehen und 1001 Gegenargumente finden

Die Frau im Krankenzimmer, die ich als Gleichgesinnter noch ein paar Mal aufsuchen konnte, war nach unserem Gedanken- und Gefühlsaustausch sichtlich verändert. Das schwere Schicksal ist geblieben, die Sichtweise darauf hatte sich aber verändert.

Ostern verändert die Sichtweise auf Leben, Leiden, Sterben, Tod und Trauer.

Diese Realitäten bleiben, aber der Blickwinkel darauf ändert sich. Von all den Auferstehungs-, Oster- und Begegnungsgeschichten der Jünger mit Jesus ist mir die heute gehörte Trauer-, Liebes- und Wiederfindungsgeschichte von Maria von Magdala die allerliebste. Es kommt bei mir selbst ganz viel in Schwingung und Bewegung und es entsteht eine wertvolle Erkenntnis im Kopf, Herz und Bauch:

Die Liebe ist stärker als der Tod. Echte, wahre Liebe bleibt und schenkt auf neue Weise und mit der Zeit verwandelnde Kräfte.

Amen.

 

Eindrücke aus der Kapelle im Klinikum Ingolstadt, wo Pfarrer Kreitmeir als Klinikseelsorger wirkt, nach der Osternacht am 03. April 2021:

 

 

Anbei die Osternacht-Predigt von Pfarrer Kreitmeir mit dem Titel „Raupe-Puppe-Schmetterling – Das Geheimnis tiefgreifender Verwandlung“: