Pater Kreitmeir: „Jesus ändert die Perspektive des Denkens und Fragens“
In seiner Predigt zum 4. Fastensonntag (Lesung: Eph 5, 8-14; Evangelium: Joh 9, 1-41) geht unser geistlicher Begleiter, Klinikseelsorger Pater Christoph Kreitmeir, der Theodizee-Frage nach und beschreibt, wie durch Jesus ein Perspektivwechsel und ein tragfähiges Gottesbild in unsere Welt kamen.
Anbei die Worte der Predigt von Pater Kreitmeir als Audio-Datei und anschließend im Textformat:
Immer wieder begegnen mir in der Arbeit mit Kranken Fragen wie „Warum habe ich diese Krankheit?“, „Warum ist der Krebs zurückgekehrt?“, „Warum muss ich dieses Schicksal erleiden?“, „Warum ist mein Partner und – noch schlimmer – mein Kind so früh gestorben?“ und immer wieder auch „Warum lässt Gott das zu?“.
Solche Fragen sind mehr als verständlich, vor allem, wenn man selbst schon Dies und Jenes durchmachen musste und ähnliche Fragen in einem hochkamen.
Solche Fragen durchziehen die ganze Menschheitsgeschichte und somit auch die Religionen. Moslems, Hindus, Buddhisten haben ihre Antworten darauf gefunden, Juden und Christen ähnliche und doch wieder andere. In der heutigen Evangelienstelle geht es um einen blindgeborenen Mann und die Fragen, wer denn daran schuld sei? Er selbst wegen seiner Sünden, oder seine Eltern?
Jesus ändert Gott sei Dank die Perspektive dieses Denkens und Fragens.
Er frägt nicht nach dem „Warum“, sondern er ändert den Blickwinkel hin zu einem „Wozu“: „Die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.“ Und gleich darauf wird er, Jesus, zum Vollzieher dieser Werke Gottes: Er heilt den Blinden und schenkt ihm das Augenlicht.
Jesus zeigt sich im Evangelium als das „Licht der Welt“, das die Finsternis erhellt.
Die Warumfragen in unserem Leben engen uns ein, sie lähmen uns und bringen uns nicht weiter. Das „Wozu“ öffnet für neue Sichtweisen, für neuen Sinn auch vielleicht sogar trotz der Einschränkungen von Krankheit und Leiden. Diese können uns wirklich zusetzen, können unser Leben mit ihren Schmerzen und Einschränkungen massiv behindern, sie können uns aber auch zu ganz neuen Sichtweisen führen und daraus folgend dann auch zu neuen Handlungen. Die derzeit laufenden Paralympics, die olympischen Winterspiele für Menschen mit körperlichen Einschränkungen geben davon zum Beispiel Zeugnis.
Zurück zum heutigen Evangelium: In den Augen von verbohrten Menschen, die genau wissen, was und warum Gott so und nicht anders handelt – im Evangelium sind es die Pharisäer – darf so etwas wie die Heilung eines Blinden und das noch an einem Sabbat nicht sein. Jesus oder der ehemals Blinde sind nach deren Ansicht Betrüger. Es stellt sich die Frage, wer hier eigentlich der Blinde ist? Wer ist hier eigentlich behindert? Behindert in der Erkenntnis der Tatsachen und der Wahrheit, dass da ein besonderer Mensch auftritt, der von Blindheit und an anderer Stelle vom Lahmsein befreien kann. Gemeint ist auch nicht nur körperliche, sondern auch geistige Blindheit und geistiges Lahmsein.
Ein tamilisches Lied aus Indien erzählt von einer anderen Sichtweise: Der Blinde ist nicht der, der nicht sehen kann, sondern der, der dem anderen nicht in die Augen schauen kann – wegen seiner eigenen Schuld und seiner Scham.
Der Lahme ist nicht derjenige, der nicht laufen kann, sondern derjenige, der den richtigen Weg des Lebens nicht gehen kann.
Die Pharisäer erweisen sich als Blinde und Lahme, weil sie versuchen, diese Blindenheilung durch Jesus mit ihren alten theologischen Maßstäben zu sehen.
Aber das führt sie nur zur Verurteilung des Heilers und des Geheilten. In ihrem Behindertsein nennen sie den Geheilten einen Sünder. Der Geheilte versucht das Geschehene zu erklären, ergreift Partei für seinen Heiler Jesus. Er will vermitteln, versucht auch die Pharisäer zu verstehen. Aber – er schafft bei ihnen kein Verständnis, keine neue Sicht.
Gott ist anders! Gott sieht mit dem Herzen.
Gott schaut nicht auf die Verbote, sondern er zeigt seine Heilungskraft jenseits der Gesetze einer konkreten Zeit und Religion.
Gott sei Dank weitet Jesus ein enges und Angst machendes Gottesbild.
Gott hat mit seiner Liebe in Jesus Christus den Zweifel an seinen guten Absichten ausgeräumt. Dieses Licht ist stark – es vertreibt die Finsternis. Und dieses Licht sucht Menschen, die mit diesem inneren Licht die Welt verändern helfen. Menschen, die etwas von dem Blick Gottes widerspiegeln, der ein liebevoller Blick ist.
Die alten Sichtweisen haben ausgedient, weil man mit diesen die Sichtweisen unseres Gottes nicht sehen kann. Wenn wir aber lernen, mit Jesu Augen zu sehen, dann blicken wir hinter die Dinge, dann sehen wir den wahren Menschen und dann blicken wir – vielleicht – auch durch.
Die Geschichte des Blindgeborenen, der von Jesus geheilt wurde, will eine Hilfe für unsere eigene Glaubensgeschichte werden.
Es geht um die Veränderung und Erweiterung von unserer Weltsicht und unserem Gottesbild. Möglicherweise geht es auch um die Frage, ob die vermeintlich Blinden vielleicht besser sehen können als die Sehenden. Der Blindgeborene könnte unser Begleiter werden mit seiner Freude und seiner neuen Sichtweise. Amen.
Hinweis: Ein Beispiel für die Verwandlung der Herzenshaltung durch die Beziehung zu Jesus Christus gibt aktuell die olympische Skiakrobatin Emma Weiß. Im aktuellen Interview mit PromisGlauben zeigt sie sich als Mensch, „der etwas von dem Blick Gottes widerspiegelt, der ein liebevoller Blick ist“:



