Mit seiner heutigen Predigt gestaltet unser geistlicher Begleiter Pfarrer Christoph Kreitmeir heute die Rubrik „Ausgelegt“ auf katholisch.de. Bei uns gibt es eine exklusive Fassung.

In der Auslegung der heutigen Sonntagslesung (Dan 12, 1-3) und des Sonntagsevangeliums (Mk 13, 24-32) beschreibt Kreitmeir das heutige Phänomen des Tanzens auf dem sinkenden Schiff und deutet die apokalyptischen Zustände, von denen Jesus in Mk 13, 24-32 spricht, mit Blick auf seine Erfahrungen als Klinikseelsorger.

Hier die Worte seiner Predigt

Vom Ende der Zeiten, verbunden mit unheilvollen Zeichen am Himmel, verheerenden Erschütterungen und angstmachenden Geschehnissen sprechen Jesu Worte aus dem Evangelium und die Worte vorher in der Lesung aus dem Buch Daniel waren auch nicht gerade ermunternd und aufhellend. Wo bleibt denn da das Tröstende und das Frohe der sogenannten „Frohen Botschaft“?

Na ja, wenn sich Untergänge andeuten, wenn man mit Volldampf auf einen Katastrophe zusteuert, dann lächelt man normalerweise ja nicht, dann wird die innere Stimmung düster und die äußeren Reaktionen ernster. Normalerweise …
Man sagt, dass man auf der Titanic auch tanzte und ausgelassen war, obwohl der Eisberg, den man rammte, den Schiffsbauch aufschlitzte.

„Auf dem sinkenden Schiff tanzen“ ist nicht die richtige Reaktion, wenn Drohendes nicht mehr abzuwenden ist.

Manchmal kommt es mir aber so vor, dass auch wir die Zeichen der Zeit nicht sehen, sondern uns wie die drei berühmten Affen verhalten: Nichts Sehen, nichts Hören, nichts Reden.

Jeder vernünftige Mensch auf dieser Welt sieht z. B. die drohenden Zeichen der Klimaveränderung, aber es wird fleißig weitergetanzt auf dem sinkenden Schiff…

Jesu Worte am Ende des Kirchenjahres sind deutlich und ehrlich und sie beinhalten nicht nur das Sehen der Dinge, sondern auch die richtigen Reaktionen darauf. Es geht um das Ende der Welt, nicht mehr und nicht weniger. Da wir aber den Zeitpunkt dieses Ereignisses nicht wissen können – so sagt es ja Jesus selbst im Evangelium – möchte ich eine Brücke in die Erfahrung von Krise und Untergang schlagen, die jeder von uns kennt: Einem Menschen wird im Krankenhaus eine erschütternde Diagnose mitgeteilt, nachdem er sich aufgrund zunehmender gesundheitlicher Probleme genau hat untersuchen lassen.

Wie Bombenhagel prasseln angstmachende Informationen auf ihn herein und unheilvolle Gefühle wühlen seine Seele auf. Stationsärzte, Oberärzte, ja vielleicht sogar Chefarztprofessoren werden wie Heilsbringer im drohenden Unheil ersehnt. In deren Worten sucht man lupengleich nach Spuren der Hoffnung, ob es vielleicht doch noch gut ausgehen könnte.

Man erinnert sich an vieles aus der Vergangenheit, sucht nach Gründen, die einen erkranken liesen, zermartet sich Kopf und Herz, sucht Trost in Beziehungen zu Partnern, Kindern, Freunden, Religion, vielleicht sogar Gott…

„Ihr sollt erkennen, wenn ihr all das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht. … Lernt etwas …“

Licht in der Dunkelheit, Frühling im November, Hoffnung in der Katastrophe werden dringend benötigt. Wann, Wie, Wo und durch Wen wird mein Ende aber kommen?

Wann? Das weiß niemand, auch nicht der Arzt, sondern nur der Herr des Lebens.
Wie? Das kann man nur erahnen und das macht Angst.
Wo? Auf einer Normalstation im Krankenhaus, im Alten- oder Pflegeheim, auf Palliativ, im Hospiz, vielleicht sogar daheim?
Durch Wen? Ja, durch Wen? Das ist heutzutage auch nicht mehr so sicher …

Die apokalyptischen Zustände, von denen Jesus in Mk 13, 24-32 spricht, finden in jedem Leben früher oder später angesichts des eigenen Todes statt. Das Ende beinhaltet – gläubig gesehen – aber einen neuen Anfang, wie es auch immer wieder in der Natur geschieht. Nichts geht verloren, was gehofft, geglaubt, geliebt wurde.

Nutze die Zeit, lerne etwas, erkenne!

Öffne dich für die Möglichkeit einer heilsamen, tröstenden und heilenden Begegnung mit dem Menschensohn, der durch die Katastrophe ins neue Leben führt. Er hat dir Proviant mit auf die Reise gegeben: Sein Wort in der Bibel, seine Nähe in den Sakramenten, seine Gemeinschaft in der Gemeinschaft der Glaubenden.

Die tiefgläubige moderne Mystikerin Madeleine Delbrel, die als Sozialarbeiterin an den Brennpunkten sozialen Lebens in Frankreich arbeitete, bringt den Wert des Proviantes von Gottes Wort auf den Punkt, wenn sie sagt:

Bis auf den Grund

Das Wort Gottes trägt man nicht in einem Köfferchen
bis ans Ende der Welt:
Man trägt es in sich,
nimmt es mit sich auf die Reise.
Man verstaut es nicht in einem Winkel seiner selbst,
in seinem Gedächtnis
wie im Regal eines Schrankes versorgt.

Man lässt es sinken bis auf den Grund seiner selbst,
bis zur Angel, in der unser ganzes Selbst sich dreht. (Madeleine Delbrel)

Und von dort aus nährt es uns in guten und in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit.

Amen.

 

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